Totes Baby in Rheinbach

Von der Mutter fehlt weiter jede Spur

RHEINBACH. Nach dem Fund der Babyleiche suchen Polizisten an der Raststätte Peppenhoven nach Hinweisen. Die Oberstaatsanwaltschaft geht von einem Tötungsdelikt aus. Polizisten entdeckten ein blutiges Tuch.

Zwei Kerzen stehen am Montag auf einem Grünstreifen unter einem Baum, nur wenige Meter entfernt von dem Fundort. Sie erinnern an die erschütternden Geschehnisse, die sich am Sonntagnachmittag auf dem Parkplatz der Autobahnraststätte Peppenhoven-Ost an der A 61 abgespielt haben. Und zwar irgendwann zwischen 14 und 17.30 Uhr.

Wie der General-Anzeiger berichtete, muss in dieser Zeit ein neugeborener Junge unter der Zugmaschine eines rumänischen Lasters abgelegt worden sein. Von wem, ob es vielleicht sogar die Mutter war, die gerade entbunden hatte, ist noch völlig unklar.

Fest steht jedoch: Das Baby war tot, als der Fahrer eines serbischen Lastzuges, der unmittelbar neben dem Gespann aus Rumänien geparkt hatte, den leblosen Körper gegen 17.30 Uhr zufällig entdeckte. Von der Mutter fehlt bislang jede Spur, entsprechend ist die Identität des Babys noch nicht geklärt.

Wurde am Sonntag nur vermutet, dass der Säugling keines natürlichen Todes gestorben ist, sind die Ermittler seit Montag einen Schritt weiter. Denn das Obduktionsergebnis der Bonner Gerichtsmedizin liegt nun vor, wie Robin Faßbender, Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage bestätigte.

"Wir gehen jetzt von einem Tötungsdelikt aus", sagte der Oberstaatsanwalt. Zudem bestätigte er GA-Informationen, dass es sich bei dem toten Baby um einen Jungen gehandelt hat. Faßbender sagte auch: "Das Baby hat gelebt und wurde gewaltsam zu Tode gebracht. Das hat die Obduktion ergeben."

Weitere Details, etwa zum genauen Alter und den Todesumständen, wollte der Sprecher der Staatsanwaltschaft aber mit dem Hinweis auf mögliches Täterwissen nicht nennen. Wie am Sonntag von drei Lastkraftwagenfahrern zu erfahren war, die angegeben hatten, das tote Baby gesehen zu haben, handelte es sich um ein neugeborenes Kind: Nach ihrer übereinstimmenden Aussage soll der Junge, der nackt auf dem Asphalt unter der Zugmaschine lag, noch eine Nabelschnur gehabt haben.

Faßbender wies darauf hin, dass nun mit Hochdruck die Suche nach der Mutter laufe. Und nach der Identität des toten Jungen. Laut Polizeisprecher Frank Piontek übernimmt diese Arbeit eine Mordkommission.

Mit der Spurensuche hatten die Ermittler bereits am Sonntag begonnen. Am späten Abend rückte ein Team des Bonner Technischen Hilfswerks (THW) mit einem Containerfahrzeug auf dem Rastplatz an. Nachdem Kripobeamte zuvor Mülltonnen im Umkreis des Fundortes markiert hatten, luden die THW-Leute diese in einen Container, um den Müll zu einer kriminaltechnischen Untersuchung nach Bonn zu bringen.

Am Montag um 12 Uhr folgte dann noch eine weitere Maßnahme: Rund 20 Bereitschaftspolizisten suchten etwa eine halbe Stunde lang den Rastplatz nach weiteren Spuren ab. Dabei entdeckten die Polizisten in einem Gestrüpp ein blutiges Tempotaschentuch. Ob hier ein Zusammenhang mit dem Fund der Babyleiche besteht, soll nun geprüft werden, erklärte Polizeisprecher Piontek.

Die Polizei bittet auch die Bevölkerung um Mithilfe. So etwa bei der Frage, wer eine Frau kennt, die schwanger war, nun aber kein Baby mehr hat? Auch wer am Sonntag zwischen 14 und 17.30 Uhr etwas Verdächtiges auf der Raststätte Peppenhoven-Ost beobachtet hat, soll sich melden unter der Telefonnummer 0228/150.

Kurz gefragt: Kindstötungen

Nach der Obduktion des männlichen Säuglings geht die Polizei von einem Tötungsdelikt aus. Gesucht wird als erste Zeugin die Mutter; nicht selten sind die Mütter auch die Täter. In Deutschland gibt es pro Jahr etwa 20 bis 40 Fälle, in denen Frauen ihre Säuglinge aussetzen, sterben lassen oder töten, schätzt Anke Rohde, Professorin für Gynäkologische Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn. Sie untersucht solche Fälle der Kindstötung.

Ihrer Erkenntnis nach handeln die Frauen aus einer individuellen Problematik heraus. Deshalb sei es so schwierig, solchen Tötungen vorzubeugen. Vielfach liege eine ungewollte Schwangerschaft vor. Schon während dieser verheimlichten, verdrängten oder ignorierten die Frauen oft ihre Situation. Viele solcher Schwangerschaften blieben unbemerkt.

"Die Frauen haben sie eventuell so sehr aus dem Bewusstsein gedrängt, dass sie bei der Niederkunft völlig überrascht gewesen sind", sagte Rohde dem GA anlässlich eines früheren Falles von Kindstötung. Die Gründe für das Nicht-Wahrhaben-Wollen seien vielfältig. Häufig lehne der Partner Kinder ab.

Die ungewollte Schwangerschaft ende für die Frauen in einer Tragödie, da sie nicht in der Lage seien, ihre eigenen Probleme zu lösen. Und das, obwohl sie in anderen Bereichen durchaus sozial kompetent seien, so die Professorin: "Es ist nicht so, dass sie unbedarft sind, aber sie können ihr Wissen nicht anwenden und sich Hilfe holen." Symptomatisch sei Passivität, bis es zu spät sei. Deshalb seien Babyklappe und anonyme Geburt für diese Frauen keine Alternative.