Eklat bei der Verlegung der Stolpersteine in Alfter

Vor einem Haus sind Gedenkplatten nicht erwünscht

Alfter. Ein paar Sekunden der Sprachlosigkeit. Die herrschten am Mittwochmittag vor dem Haus Nummer 28 an der Knipsgasse. Als dritte Station in Alfter wollte Gunter Demnig auch dort Stolpersteine verlegen.

Die Gedenktafeln aus Messing des Künstlers sollen an die Menschen erinnern, die einst in dem Haus gewohnt haben: Frieda, Josef, Karl und Therese Cossmann - vier Mitglieder einer jüdischen Familie, die 1942 von den Nationalsozialisten nach Minks deportiert wurden und dort umgebracht wurden.

Doch anders als geplant, erinnern die Stolpersteine jetzt auf der gegenüberliegenden Straßenseite an die Familie. Was war passiert? Gerade als Demnig mit der Verlegung beginnen wollte, öffnete sich die Tür des Hauses. Besitzer und Mieterin verkündeten einmütig, dass sie die Steine an der Stelle nicht haben wollten. "Wir befürchten, dass sie Aggressionen gegen unser Haus nach sich ziehen", sagte die Mutter von drei Kindern. Schließlich gebe es in der Nachbarschaft vier Gaststätten und die Laufkundschaft sei unberechenbar. Was folgte, war erst mal fassungsloses Schweigen.

Dabei konnte sich die Bewohnerin des Hauses eines großen Publikums gewiss sein. Rund zwanzig Zuschauer waren dabei, darunter Bürgermeisterin Bärbel Steinkemper, viele Ratsmitglieder, und Vertreter der Bürgergruppe Ortsentwicklung Alfter, die vor gut einem Jahr angeregt hatte, die Stolpersteine verlegen zu lassen.

Zu diesem Anlass waren am Mittwoch auch die beiden Enkel der 1942 nach Ausschwitz deportierten Rosalie Sander, Leslie Artmann aus Israel und Richard Sander aus London nach Alfter gekommen. "Es ist eine Schande, was hier gerade geschieht", brachte Richard Sander seine Gefühle und die seines Cousins auf den Punkt. Um die beiden Männer "nicht noch weiter der peinlichen Situation" auszusetzen, verlegte Demnig die Steine kurzerhand auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Rund 17 000 Erinnerungstafeln hat der Künstler seit 1993 weltweit in Gehwege eingebracht. "So etwas wie hier habe ich aber noch nie erlebt", sagte der 61-Jährige. Die Anwohnerin der Knipsgasse blieb bei ihrem Standpunkt, auch weil sie sich "übergangen und nicht informiert" fühlt. "Uns hat vorher keiner etwas gesagt, wir haben davon nur aus der Zeitung erfahren", erklärte sie. Laut Bürgermeisterin Steinkemper "lag die Pflicht der Information bei der Bürgergruppe, die das Vorhaben initiiert hat".

Neben den vier Steinen an der Knipsgasse sind am Mittwoch - in stillem Gedenken - fünf weitere in Alfter verlegt worden. An der Holzgasse 46 erinnern drei Tafeln an Josefine, Paula und Emma Israel.

Auch die drei Frauen wurden von ihrem letzten, freiwillig gewählten Wohnort aus nach Minsk verschleppt, in dessen Getto sie ums Leben kamen. Else und Rosalie Sander starben in Auschwitz. Zu ihrem Gedenken wurden zwei Stolpersteine im Gehweg an der Holzgasse 11 verlegt.