70 Jahre Kriegsende

Die Lust auf Vergeltung

Als wären sie gerade heimgekehrt: Bronzene Flieger-Statuen haben zum Gedenken an die rund 55.000 im Zweiten Weltkrieg umgekommenen britischen Piloten 2012 einen Platz in London erhalten.

06.05.2015 Mit den Luftangriffen am Ende des Zweiten Weltkriegs wollten die Briten den Deutschen auch "eine deutsche Lektion" erteilen. Bis heute aber spielt der Bombenkrieg im kollektiven Gedächtnis des Königreichs nur eine untergeordnete Rolle.

Jemand hat vier Gänseblümchen auf den grauen Marmor gelegt. Die sorgsam aus der Wiese gerupften Maßliebchen wirken wie eingeschüchtert von den überdimensionierten Bronzestatuen.

Der Kontrast zwischen zarter Zerbrechlichkeit und brachialem Monument könnte kaum größer sein. Sieben alliierte Flieger stehen gemeißelt da, als seien sie soeben von einer neuerlichen Mission heimgekehrt. Ihre Blicke schweifen über den Londoner Green Park, an dessen Rand das Denkmal steht.

Es ist ein prominenter Platz für ein Monument, das eine kontroverse Debatte hinter sich hat. Denn es gedenkt der britischen Bomberflotte, die im Zweiten Weltkrieg zahlreiche deutsche Städte zerstörte und rund 600.000 Tote unter der deutschen Zivilbevölkerung bewirkte.

Das Denkmal erinnert an die 55.573 Piloten und Navigatoren des "Bomber Command", die während der Einsätze ihr Leben verloren.

Die überlebenden Crewmitglieder der Royal Air Force (RAF), im Durchschnitt waren sie damals gerade einmal 22 Jahre alt, mussten 67 Jahre auf dieses 2012 eröffnete Memorial warten, viele Überlebende empfanden das als ungerecht.

Denn das Königreich ehrt Kriegshelden und Gefallene anderer Militärgattungen mit Pauken und Patriotismus, mit Erinnerungsmedaillen, Denkmälern, Veranstaltungen. Doch aufgrund der vielen zivilen Opfer durch die Flächenbombardements, die schon zu Kriegszeiten mehr Zweifel als Zustimmung auslösten, musste ein Monument für die getöteten Piloten warten.

Mit ein Grund dafür war der Ruf von "The Butcher", des Schlächters, wie Sir Arthur Harris genannt wurde. Er leitete als Oberbefehlshaber die Vernichtung aus der Luft.

Als 1992 ein Denkmal für Harris im Zentrum Londons enthüllt wurde, erhielt das Ereignis verhältnismäßig wenig mediale Aufmerksamkeit, dafür aber viel Protest.

Schon während des Krieges herrschte auf der Insel Skepsis bezüglich seiner Taktik: "Bomber-Harris" galt als Verfechter der Strategie, mit Hilfe von Flächenbombardements die Kampfmoral des Feindes zu brechen.

Die verfolgte er auch am 13. Februar 1945 in Dresden. Der Nachthimmel über der sächsischen Metropole war aufgeklart, nichts sollte den britischen Piloten die Sicht versperren. Um 22 Uhr schrillen die Sirenen, die Alliierten führen jenen Angriff aus, der einige Tage zuvor auf der Konferenz in Jalta beschlossen wurde, auch auf Drängen des Sowjetdiktators Josef Stalin.

Während der ganzen Nacht und über den folgenden Tag hinweg pulverisieren 2600 Tonnen Brand- und Sprengbomben die barocke Pracht der Stadt, Feuer walzt durch die engen Gassen, fordert Tausende Menschenleben, hinterlässt Not und Entsetzen.

In einem der Lancaster-Flieger saß der damals junge Stabsfeldwebel Harry Irons. "Ich sah dieses riesige Feuer, gar nicht weit weg von uns", schilderte er kürzlich Medien. Gleichwohl sei diese Nacht für ihn nur ein weiterer Bombenangriff gewesen.

"Wir hatten schon Schlimmeres gesehen", erinnerte er sich 70 Jahre später. Und trotzdem ging dieser Luftangriff der britischen und amerikanischen Alliierten auf spezielle Weise in die Geschichte ein - als Akt, der nicht ins Heldenbild der Siegermächte passen mag.

Der britische Militärhistoriker Richard Overy bezeichnet die Offensive als "übertriebene Gewalt". Ihm zufolge sei die extreme Zuspitzung des Luftkriegs, die bis zur völligen Zerstörung Dresdens führte, weder militärisch notwendig gewesen noch könne sie moralisch gerechtfertigt werden.

In seinem Standardwerk "Der Bombenkrieg: Europa 1939-1945" schreibt Overy: "Den Deutschen sollte eine deutsche Lektion erteilt werden."

Steigerten die Alliierten in den letzten Monaten des Krieges deshalb ihre Flächenbombardements in diesem Ausmaß - obwohl sich der Sieg der Anti-Hitler-Koalition längst abzeichnete? Es gab ein Bedürfnis der Vergeltung.

Immerhin brachte die deutsche Luftwaffe mit ihren Bomberflotten zu Kriegsbeginn Tod und Verderben über zahlreiche britische Städte, die Menschen auf der Insel nannten die Attacken "The Blitz". Die ausgebombte Kathedrale von Conventry stand als Symbol für die Brutalität des Luftkriegs.

Doch Rache war nur ein Aspekt. Das Kriegskabinett von Premierminister Winston Churchill wollte nicht nur die deutsche Wirtschaft schwächen, die Infrastruktur zerstören, die Arbeiter ausschalten. Die Briten hatten auch die Absicht, mit Bomben die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und so deren Moral zu brechen.

Overy zufolge wollten Churchill und Roosevelt den Krieg mit allen Mitteln abkürzen, die ihnen zur Verfügung standen. Dieses Motiv lag auch in der Angst begründet, Deutschland könne in letzter Minute noch eine Gegenoffensive starten.

"Für die meisten Briten, die mit dem Krieg vertraut sind und sich kritisch mit der Strategie der Alliierten auseinandersetzen, wird Dresden immer gleichgesetzt mit den späteren atomaren Angriffen - als Beweis dafür, dass auch liberale Staaten zu grausamen Kriegshandlungen fähig sind", so Overy im Gespräch mit dem General-Anzeiger.

Als vor einigen Jahren der Film "Dresden" im britischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, hätte die Großzahl der Leute, mit denen sich der Historiker danach unterhalten habe, gemeint, der Film sei übertrieben oder unnötig sentimental. Dabei entstanden ohne wirklichen militärischen Wert gewaltige Schäden.

Historiker gehen davon aus, dass allein in Dresden bis zu 25.000 Zivilisten starben. "Die meisten Briten haben keine Ahnung von den Opfern durch die RAF-Attacken und auch kein Interesse daran", kritisiert er.

Auch deshalb kämpften viele Bomberpiloten jahrzehntelang um jene Anerkennung, die anderen Soldaten im Königreich gleich nach Kriegsende zuteil wurde. "Dresden stand für die britische Öffentlichkeit immer als Symbol dafür, dass die Flächenbombardements zu weit gingen", sagt Historiker Overy.

Doch in jüngster Zeit setzte ein Wandel ein. "Einige Menschen denken, der Angriff war gerechtfertigt, weil Dresden ein Zentrum der Kriegswirtschaft war." Doch das sei schon immer "eine schwache Entschuldigung für die Zerstörung ganzer Wohngebiete" gewesen.

Als sich die Bombardierung auf Dresden am 13. Februar zum 70. Mal jährte, hielten sich die Briten mit ihrem Erinnerungsreigen zurück. Als "historische Wunde" bezeichnete der Guardian einmal die Luftangriffe. "Eine größere Debatte gab und gibt es nicht", sagt der Historiker Felix Römer vom Deutschen Historischen Institut in London.

Schon bei Kriegsende 1945 habe man sich in Großbritannien ungern an dieses heikle Thema erinnert: "Im öffentlichen Bewusstsein spielt der Bombenkrieg daher bis heute nur eine untergeordnete Rolle." Einige Zeitzeugen ärgerten sich später über Churchill, der sich am Ende des Krieges von Luftmarschall Arthur Harris distanzierte. Folglich ließ er die Bomberkommandos aus, als er sich bei allen anderen Sektionen der Royal Air Force für ihre Leistung bedankte.

Als wollte man den Meinungsumschwung übergehen, ist in den Stein des Pavillons, in dessen Mitte das gewaltige Memorial zu Ehren der Bomberflotte steht, ein Satz von Churchill aus dem Jahr 1940 eingemeißelt: "Die kämpfende Truppe ist unsere Rettung, aber allein die Bomber liefern uns das Instrument zum Sieg."

Gegner des 2012 von Königin Elizabeth II. eingeweihten Monuments bedauerten vor allem, dass zu wenig auf die zivilen Opfer des britisch-deutschen Bombenkriegs eingegangen werde. Die Tageszeitung "The Guardian" kritisierte einen "erschütternden Mangel an Feinfühligkeit".

Harry Irons, der damals in einem der Cockpits saß, hatte all die Jahre ein schlechtes Gewissen wegen der Bombardements auf deutsche Zivilisten. Bis er im vergangenen Jahr Auschwitz besuchte. "Ich kam heraus, und mein Verstand war klar: Genau das hätte auch uns in England geblüht." (Katrin Pribyl)