Menschen an der Uni Bonn

Nils Jung versteht die Sprache der Steine

Seine Arbeit verlangt Präzision, Erfahrung und absolut ruhige Hände: Nils Jung fertigt Dünnschliffe von 0,03 bis 0,02 Millimetern an.

Seine Arbeit verlangt Präzision, Erfahrung und absolut ruhige Hände: Nils Jung fertigt Dünnschliffe von 0,03 bis 0,02 Millimetern an.

BONN. Der Präparator Nils Jung gibt dem geologischen Material am Steinmann-Institut den passenden Schliff. So können die Wissenschaftler die Proben im Anschluss untersuchen.

„Der Mensch erscheint im Holozän“ ist erstens eine Erzählung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch aus dem Jahr 1979 und zweitens aktueller geologischer Konsens – bezogen auf den gegenwärtigen Zeitabschnitt der Erdgeschichte, der 9700 vor Christi Geburt beginnt. Bis zur Erfindung der Schrift sollte es allerdings noch weitere 4700 Jahre dauern.

Doch auch für die Erdzeitalter davor – vor 65 Millionen bis zu mehr als vier Milliarden Jahren – gibt es Zeugen: Fossilien, Gesteine, Mineralien. Gesetzt den Fall, dass man ihre Sprache zu lesen versteht und dass es jemanden gibt, der dieses Material zum „Sprechen“ bringt. Nils Jung, Präparator des Fachbereiches Mineralogie am Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn, tut genau das.

Auf dem Schreibtisch seines Büros im Poppelsdorfer Schloss liegen feine Glasplättchen, auf denen hauchdünne Gesteinsproben aufgeklebt sind. Deren dunkle, fein gemaserte Textur erinnert spontan an Carrara-Marmor. Diese Einschätzung verrät zwar einerseits den Laien, doch das mit der Schönheit und Einzigartigkeit stimmt schon und vermittelt ein Gefühl dafür, was den 42-Jährigen an seinem Beruf so fasziniert. „Ich hab' mich schon als Kind für Dinosaurier und Fossilien interessiert und von meinen Großeltern auch die passenden Bücher dazu geschenkt bekommen“, erinnert sich Jung, der ursprünglich aus Oldenburg stammt.

Da sich sein Interesse als ebenso beständig erwies wie der „Werkstoff“ selbst, hat er von 2001 bis 2004 am Walter-Gropius-Berufskolleg in Bochum die bundesweit einzige staatlich anerkannte Ausbildung zum Präparationstechnischen Assistenten absolviert. Naturwissenschaftliche Kenntnisse werden dabei ebenso vorausgesetzt wie handwerkliches Geschick und Geduld.

Die Zahl der freien Stellen ist allerdings handverlesen. „Von zehn Absolventen pro Jahrgang bleiben nachher zwei im Beruf“, schätzt Jung. Er ist einer von ihnen und war unter anderem während eines Volontariats beim Naturkundemuseum Münster bei paläontologischen Ausgrabungen im Sauerland tätig, hat dort Ausstellungsstücke präpariert – was die freigelegten Gesteinsschichten hergeben. Ins Rheinland kam er 2009, „der Liebe wegen“. Seine Frau arbeitet in Köln, ebenfalls als Präparatorin. Fachgesprächen zu Hause steht also nichts im Wege. Wenn man ihm zuschaut, wie akribisch er zu Werke geht, wie behutsam er die Dünnschliffe auf dem Tisch handhabt, wundert das nicht.

„Jedes der Präparate, die ich für Forschung und Lehre vorbereite, erzählt seine eigene Geschichte.“ Dies sind zu 90 Prozent Gesteinsproben. Studenten bringen sie von ihrer Arbeit im Gelände mit.

Um später damit arbeiten zu können, fertigt der Präparator mittels eines diamantbesetzten Sägeblattes und diverser Läpp- und Schleiftechniken einen sogenannten Dünnschliff – also besagte Glasplättchen – an. Diese Technik verlangt Präzision, Erfahrung und absolut ruhige Hände, denn das Material ist mitunter weitaus anspruchsvoller als es auf den ersten Blick vielleicht erscheint. Auf 0,03 bis 0,02 Millimeter mikroskoptauglich geschliffen, lässt sich das Präparat lesen und gibt dabei schließlich seine Eigenheiten preis.

„Langweilig wird es dabei nicht“, sagt Jung. Schon allein, weil er der erste ist, der Hand an das zum Teil uralte Material legt. Und weil jede Probe ein Unikat ist. „Die eine verträgt vielleicht keine Feuchtigkeit, eine andere keine Hitze.“ Die drei Präparatoren am Steinmann-Institut – neben Jung ein Paläontologe und ein Geologe – arbeiten auf ihren Gebieten autark, was gelegentliche Überschneidungen einschließt. Zudem tauscht sich Jung telefonisch oder per Mail regelmäßig mit seinen Fachkollegen aus.

Und auch wenn es für ihn keine geologisch uninteressante Region geben kann, ist der Rheingraben mit dem Vulkanismus der Eifel und dem Siebengebirge natürlich besonders reizvoll. „Mit Rheinkies zum Beispiel könnte ich Stunden verbringen. Hier im Institut guckt auch keiner komisch, wenn ich Steine mit zur Arbeit bringe“, ergänzt Jung und lacht. Einige von ihnen hat er tags zuvor draußen in in der Natur gesammelt; zusammen mit seinen zwei Jungs, vier und acht Jahre alt. Übt die Spur der Steine solche Anziehungskraft aus? Nils Jung nickt: „Ja, ich kann mit Sicherheit sagen, dass das hier mein Traumberuf ist.“