Universität Bonn

Neue Lehr-Strategien für die Hochschule

Prorektorin Karin Holm-Müller (links) im Gespräch mit Dr. Imke Lichterfeld.

Prorektorin Karin Holm-Müller (links) im Gespräch mit Dr. Imke Lichterfeld.

BONN. Neun Dozenten der Uni Bonn haben sich mit eigenen Ansätzen ein Zertifikat erarbeitet, um die veränderten Anforderungen an Lehrende zu meistern. Sie beklagen aber auch Defizite bei den Studierenden.

Selbstständiges Lernen, interdisziplinäres Denken, Diskursbereitschaft: All diese Eigenschaften galten lange Zeit als selbstverständliche Voraussetzungen für ein Hochschulstudium. Doch in den vergangenen Jahren hat sich nicht zuletzt durch G8 und die Einführung der Master- und Bachelor-Studiengänge viel geändert, was wiederum neue Anforderungen an die Dozenten stellt.

Nun hat die Universität Bonn zum zweiten Mal eine Gruppe von neun Lehrenden aus fünf Fakultäten zum Abschluss des NRW-Zertifikatsprogramms „Professionelle Lehrkompetenz für die Hochschule“ beglückwünscht, das am Bonner Zentrum für Hochschullehre im Rahmen des Qualitätspakts Lehre gefördert wird.

Im Stucksaal des Poppelsdorfer Schlosses stellten die Geehrten ihre Ideen, Lernkonzepte und Methoden vor, mit denen sie sich im Verlauf der zweijährigen Qualifizierung auseinandersetzten und von denen sie sich neue Impulse für den Unterricht erhoffen. Dazu gehörte auch erstmals eine Absolventin des Bonner eTeaching-Zertifikatprogramms.

„Wie kann man anders lehren und trotzdem innerhalb des vorgegebenen Rahmens bleiben?“, formulierte Betreuerin Karina Antons die zentrale Frage des Zertifikatsprogramms. Die Antworten darauf fielen je nach Fach und Seminartyp recht unterschiedlich aus.

So ließ der Politologe Volker Best seine Studenten in einem Praxisseminar potenzielle Parteiplakatkampagnen zur Bundestagswahl 2017 konzipieren, während der Theologe Sebastian Schmidt Fragen erarbeiten ließ, die die Studierenden dem Autor eines im Unterricht behandelten Buches per Video-Chat stellen sollten. Andere Dozenten beschäftigen sich dagegen eher mit allgemeineren methodologischen Ansätzen – und offenbarten dadurch offenkundige Schwächen der Studierenden.

Die Anglistin Imke Lichterfeld hat zum Beispiel versucht, eine Diskussion in Gang zu bringen, ohne als aktive Moderatorin in Erscheinung zu treten, was nur bedingt von Erfolg gekrönt war. „Die Studierenden sind so darauf konditioniert, dass jemand sie anleitet, dass ohne mein Eingreifen nur wenig passiert ist“, sagte sie. „Anscheinend können sich selbst Masterstudierende nicht von dem Gedanken lösen, dass die Lehrkraft das koordinierende Diskussionszentrum ist.“

Zu einem nicht unerheblichen Teil mag dies damit zusammenhängen, dass die Universität längst von vielen als Erweiterung des Gymnasiums angesehen wird. „Natürlich merken wir die Auswirkungen von G8 und des Bologna-Prozesses“, erklärte Bettina Grävingholt vom Bonner Zentrum für Hochschullehre. „Die Studierenden werden immer jünger und bleiben viel länger Schüler, weil sie auch an der Universität in ein größtenteils verschultes System geworfen werden.“

Hinzu komme eine größere Heterogenität, was sich auch in den mitgebrachten Kenntnissen widerspiegelt. So mangelt es häufig an der notwendigen Lesekompetenz, um mit Fachtexten ordnungsgemäß umzugehen. „Mitunter wissen die Studierenden noch nicht einmal, wie man einen solchen Text strukturiert, indem man etwa Zwischenüberschriften oder verschiedenfarbigen Markierungen einfügt“, sagte der Theologe Markus Weskott, der sich mit diesem Phänomen beschäftigt hat und unter anderem ein gemeinsames Zusammentragen in Gruppenarbeit propagiert.

Die Prorektorin für Studium und Lehre, Professorin Karin Holm-Müller, war angetan von den Ergebnissen. „Ich bin ein großer Fan des Zertifikatprogramms“, sagte sie. „Ich weiß, dass es Sie sehr viel Zeit und Engagement gekostet hat, und dafür danke ich Ihnen – doch klar ist auch, dass wir für diese strukturellen und didaktischen Probleme Lösungen brauchen. Daher hoffe ich, dass Sie sich weiter einbringen.“