Von Abhängigkeit bis Selbstbestimmung

Master-Arbeit über Zukunftsperspektiven

So möchte ein von Claudia Fabisch interviewter Schüler später einmal leben: Der Vater schaut oben fern, der Junge repariert unten ein Auto. Das Bild malte der befragte Schüler Hannes, fotografiert hat es die Lehrerin und Alanus-Absolventin Claudia Fabisch.

So möchte ein von Claudia Fabisch interviewter Schüler später einmal leben: Der Vater schaut oben fern, der Junge repariert unten ein Auto. Das Bild malte der befragte Schüler Hannes, fotografiert hat es die Lehrerin und Alanus-Absolventin Claudia Fabisch.

Alfter. Lehrerin Claudia Fabisch hat ihre Masterarbeit über die Zukunftsperspektiven von Förderschülern geschrieben. Die jungen Menschen wünschen sich Akzeptanz und Anerkennung

Wie Hannes einmal leben möchte? Der Oberstufenschüler einer Waldorf-Förderschule hat das im Rahmen eines Projekts seiner Kunstlehrerin Claudia Fabisch mit markanten Farben gemalt: Im ersten Stock seines Zukunftshauses hat Hannes seinen Vater platziert, wie der gemütlich im Fernsehsessel einen Film schaut. Im Erdgeschoss sieht man Hannes selbst, wie er gerade sein Auto repariert. Wenn er wolle, könne er sich also beim Vater, der zu Besuch sei, Rat holen, hat der Förderschüler der Lehrerin erläutert. „Hannes wünscht sich also, möglichst viele Bereiche des Lebens selbst zu gestalten“, kommentiert die Lehrerin. Am Erwachsensein finde er gut, „dass man die Sachen selbst regeln kann und nicht immer einer sagen muss: Das muss aber so geregelt werden.“ Auf den Rat der Eltern wolle der Junge aber auch später nicht verzichten. „Wenn ich den Vater mal brauche, dann hol' ich ihn mal, frag ihn mal, ob er mir Tipps geben kann“, plant Hannes.

„Die Zukunftsaussichten von jugendlichen Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt »Geistige Entwicklung«“ ist das Thema, das Claudia Fabisch im Zuge ihrer Masterarbeit an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter behandelt hat. Mit Gruppengesprächen, Einzelinterviews und der Auswertung von Schülerbildern ging sie der Frage nach, wie Nicht-Wissenschaftler, sondern jugendliche Förderschüler selbst ihre Zukunftsperspektiven sehen.

Fabisch wollte Menschen, die für geistig behindert gehalten werden, bewusst als Experten ihres Lebens begreifen. „Die Schüler waren während der teilweise langen Gespräche sehr diszipliniert und hörten einander fast immer mit großem Interesse zu, fragten nach oder machten sich bei problematischen Gesprächsverläufen gegenseitig Lösungsvorschläge“, schildert Fabisch den Prozess. Die Ergebnisse ihrer Studie hätten gezeigt, dass Schüler mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ sehr wohl differenziert über ihre Zukunftserwartung Auskunft geben konnten. Sie berichteten authentisch über ihre persönliche Art zu leben. Fabisch konnte zentrale Motive ausmachen. Die eine Schülergruppe sei vom Wunsch geprägt gewesen, ihre kindlichen Abhängigkeitsverhältnisse weiter aufrechtzuerhalten. „Geburtstag zu feiern mit Mama und Schwester und Oma“, habe sich etwa Sara auch als Erwachsene gewünscht, ohne sich Gedanken zu machen.

Es geht auch um Veränderung und Akzeptanz

Anderen sei es um Veränderung und Akzeptanz gegangen. Clara habe sich gewünscht, Anerkennung zu bekommen, zu heiraten und eine Arbeit zu haben. Anne habe gesagt: „Ja, ich freu' mich, dass ich erwachsen werde, und hoffe damit auch, dass ich, äh, andere nette Leute kenne, die mich nicht nur verarschen.“ Wieder andere Befragte hätten wie Hannes abgewogen: Einerseits wollten sie später Verantwortung für ihr Leben übernehmen, aber andererseits immer auch eine Vertrauensperson um Rat fragen können.

Und dann habe es auch Förderschüler gegeben, die wie Chris Hemmungen zeigten, nach der Schule in die Welt hinaus zu gehen. Vor seinem Zukunftshaus mit blauem Auto, Computer und Aquarium malte der Junge sich selbst, wie er im Rollstuhl an der Tür verharrt, die seine einen Luftballon haltende Mutter versperrt. Fabisch hat auf jeden Fall unterrichtliche Konsequenzen aus ihrer Studie gezogen. Es müsse Schulen darum gehen, die Anerkennung, aber auch das Selbstwertgefühl dieser jungen Leute zu verstärken, schreibt sie. Lehrer und Eltern sollten ihnen erfahrbar machen, dass sie in ihrem Rahmen auch selbst Verantwortung tragen könnten. Letztlich gehe es also um ein „Lernen, eigene Wünsche in Beziehung zu den realen Möglichkeiten zu setzen“, so Fabisch.