1500 Altertumsforscher an der Universität

Archäologen diskutieren in Bonn über antike Wirtschaft

Forscher in Aktion: Der Gastgeber der Konferenz, Professor Martin Bentz (links), steht in Selinunt vor einem Töpferofen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Der Fund gehört zu einer zusammenhängenden Produktionsstätte in der griechischen Koloniestadt im Südwesten Siziliens.

Forscher in Aktion: Der Gastgeber der Konferenz, Professor Martin Bentz (links), steht in Selinunt vor einem Töpferofen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Der Fund gehört zu einer zusammenhängenden Produktionsstätte in der griechischen Koloniestadt im Südwesten Siziliens.

Bonn. Beim internationalen Kongress der Bonner Altertumsforscher geht es vom 22. bis 26. Mai um die Wirtschaft in antiken Gesellschaften. Die Wissenschaftler untersuchen Spuren des frühen Kapitalismus.

Was die mit rund 80 neuen Studenten pro Jahr recht kleine Abteilung der Klassischen Archäologie da vorhat, ist schon eine große Sache. Die Bonner Altertumsforscher um Professor Martin Bentz richten zusammen mit ihren Kölner Kollegen den 19. Internationalen Kongress für Klassische Archäologie aus. Das nur alle fünf Jahre stattfindende Treffen bildet das wichtigste Forum zum Austausch für alle Fachrichtungen, die sich mit der griechisch-römischen Zivilisation und ihren Nachbarkulturen von der Ägäischen Bronzezeit bis zum Ende der Spätantike beschäftigen.

Erst einmal zuvor war eine deutsche Uni der Gastgeber – 1988 in Berlin –, und jetzt rechnet Bentz mit etwa 1500 Teilnehmern des Kongresses mit seinen zwei Standorten im Rheinland. Das übergeordnete Thema des Expertentreffens vom 22. bis zum 26. Mai mit vielen Symposien, Vorträgen und Diskussionsrunden an den beiden Universitäten ist die Bedeutung der Wirtschaft in den antiken Gesellschaften. „Wie heute spielten die ökonomischen Aspekte auch früher in vielen Bereichen eine wichtige Rolle, sei es im Städtebau, in der Religion oder Kunst, im Wohnen oder im Tod“, sagt Bentz. Lange Zeit sei sein Fach eher kunstgeschichtlich ausgerichtet gewesen. „Wir wollen uns aber nicht nur mit schönen Dingen beschäftigen, sondern mit unserer Forschung ganze Gesellschaften rekonstruieren und interpretieren“, so der Anspruch des 57-Jährigen.

Grabungen im Südwesten Siziliens

Dazu hat der Archäologe selbst schon einiges an Grabungsarbeit geleistet, deren Ergebnisse er auf dem Kongress vorstellt. Von 2010 bis 2017 machte er sich regelmäßig während der Semesterferien mit seinen Studenten zu Forschungsarbeiten nach Selinunt, einer bedeutenden griechischen Koloniestadt im Südwesten Siziliens (7. bis 3. Jahrhundert vor Christus), auf. Unter der Leitung von Bentz legten die Bonner Altertumswissenschaftler dort eines der größten Handwerkerviertel der griechischen Antike frei. Partner in der breit angelegten Zusammenarbeit waren die italienischen Behörden und das Deutsche Archäologische Institut.

Was die Forscher in der 409 vor Christus von den Karthagern vollkommen zerstörten Stadt fanden, führte zu einer neuen Interpretation des damaligen dortigen Wirtschaftssystems. „Bislang ging man davon aus, dass einzelne Werkstätten von einzelnen Familien geführt wurden und sie mehr oder weniger für den Eigenbedarf ohne Überschuss und Export produzierten“, erklärt Bentz. Das entspricht in der Forschung dem Ansatz der sogenannten Primitivisten. Dagegen stehen die Modernisten, die davon ausgehen, dass auch die antike Wirtschaft wie heute nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage funktionierte – inklusive Überschussproduktion und Exporte in neu eroberte Gebiete und damit Absatzmärkte.

„Unsere Funde sprechen ganz klar für die modernistische These“, sagt Bentz. Denn er und sein Team fanden in Selinunt neben zahlreichen Keramikgefäßen, wie Schüsseln, Amphoren, Hydrien und Kannen, vor allem auch zusammenhängende Werkstätten mit knapp 100 Brennöfen. Darunter befand sich der mit fünfeinhalb Metern Durchmesser größte bekannte Töpferofen aus der damaligen Zeit. Darin konnten nach der Analyse der Archäologen rund 2000 Dachziegel gebrannt werden. „Solche Maßstäbe kannte man bis dato gar nicht“, sagt Bentz.

Der größte Töpferofen der damaligen Welt

Auch andere Faktoren sprechen aus Sicht des Wissenschaftlers für eine relativ moderne Wirtschaftsform in der antiken Welt: „Die einheitlichen Werkstätten hatten schon einen Fabrikcharakter. Die gefundenen Werkzeuge, Stempel und Dokumente deuten auf einen Fabrikanten, sprich einen Besitzer einer großen Produktionsstätte hin“, erklärt Bentz. Und er bedauert, abgesehen von der wissenschaftlichen Neutralität natürlich, diese Erkenntnis ein wenig: „Ich persönlich hätte eine kooperative Version des Wirtschaftslebens interessanter gefunden. Aber alles weist darauf hin, dass wir es im antiken Selinunt mit einer frühen Form des Kapitalismus zu tun haben.“ Mit dem aktuellen Kongress und dem Blick auf verschiedene Aspekte der Wirtschaft hofft Bentz, der Rekonstruktion der Gesellschaften in den antiken Mittelmeerkulturen wieder ein Stück näher zu kommen.