„Jetzt bin ich enttäuscht“

US-Investor Roger McNamee kritisiert Facebook

Blick auf den Campus der Zentrale des sozialen Netzwerkes Facebook im kalifornischen Menlo Park.

Blick auf den Campus der Zentrale des sozialen Netzwerkes Facebook im kalifornischen Menlo Park.

Washington. Roger McNamee wirft der Silicon-Valley-Elite mangelnde soziale Verantwortung vor. US-Großinvestor schildert seinen Einfluss auf die Entwicklung Facebooks und schildert seine Wandlung hin zu einem Mahner.

Zehn Tage vor dem Präsidentschaftsvotum des Novembers 2016 schrieb Roger McNamee eine E-Mail an Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg, den Facebook-Gründer und dessen rechte Hand. Er begann mit den Worten: „Ich bin wirklich traurig über Facebook“. Bis vor ein paar Monaten, schrieb McNamee, sei er stolz auf die Erfolge des Unternehmens gewesen. „Jetzt bin ich enttäuscht. Es ist mir peinlich. Ich schäme mich.“

Facebook, beobachtete der Investor, spiele eine enorme Rolle im amerikanischen Wahlkampf. Und mithilfe seiner Algorithmen reduziere es die Wortmeldungen, die es für seine Nutzer sortiere, auf eine Art Echokammer. Nach dem Prinzip, dass jeder nur das lesen möge, was ihm gefalle. Dadurch würden die Leute daran gehindert, sich mit Meinungen auseinanderzusetzen, die ihren eigenen widersprächen. Internet-Trolle machten sich dies zunutze, um Unwahrheiten zu verbreiten und Emotionen zu schüren. „Ich will einen Weg finden, um das Facebook-Management zu ermuntern, sozial verantwortlicher zu handeln.“

Roger McNamee, das ist ein Name mit Klang im Silicon Valley. 2004 gründete er mit Geschäftspartnern, unter ihnen Bono, der Sänger von U2, eine Beteiligungsgesellschaft namens Elevation Partners. Die erwarb 2010 für 90 Millionen Dollar ein Prozent der Facebook-Anteile. Ein lukratives Geschäft. Auch McNamee scheffelte ein Vermögen, indem er bei Facebook einstieg.

McNamee kennt Zuckerberg gut

Als Zuckerberg sein Studium in Harvard abbrach, um an die Westküste zu ziehen und sich dort mit ganzer Kraft seiner Firma zu widmen, gehörte McNamee zu einem Kreis erfahrener Mentoren, denen er zuhörte. Als der Aufstrebende, zugleich an sich Zweifelnde zum ersten Mal Rat suchte in McNamees Büro an der Sand Hill Road in Menlo Park, appellierte Letzterer an den Durchhaltewillen. McNamee war 50, Zuckerberg 22. Der Ältere sprach von den Kaufangeboten, die es sicher schon bald für Facebook geben werde, eine Milliarde Dollar von Microsoft oder Yahoo. „Deine Eltern, dein Aufsichtsrat, dein Managementteam, sie alle werden dir sagen, dass du annehmen sollst.“ Er würde nicht verkaufen, riet McNamee, denn Zuckerberg baue gerade die wichtigste Marke seit Google. Facebooks entscheidender Vorteil gegenüber anderen Social-Media-Netzwerken bestehe darin, dass es seine Nutzer dazu anhalte, sich mit ihrer wahren Identität zu erkennen zu geben, statt sich hinter Fantasienamen zu tarnen.

Später drehte der Investor mit am Rad, als Zuckerberg seine bislang wichtigste Personalentscheidung traf. Es war McNamee, der Sheryl Sandberg, ehemals Chefin des Stabs des Finanzministers Larry Summers, zu Facebook lotste. „Ich mochte Zuck. Ich mochte seine Leute. Ich mochte Facebook.“ McNamee kennt Zuckerberg gut genug, um ihn mit der Kurzform seines Nachnamens ansprechen zu können, amerikanisch leger. „Zucked“, das Wortspiel soll wohl bedeuten, von Zuck auf die falsche Fährte geführt, ihm auf den Leim gegangen zu sein.

Wandlung zu einem Mahner

In dem Buch schildert er seine eigene Wandlung von einem nur selten grübelnden Technik-Optimisten zu einem Mahner, der verlangt, Facebook strengeren Regeln zu unterwerfen. Einem Regelwerk, das die Politik aufstellen müsse. Zudem beschreibt er, wie sich Facebook mit aller analytischen Gründlichkeit der Eigenheiten der menschlichen Natur bedient, um daraus Gewinn zu ziehen.

Da wäre zum Beispiel, 2009 eingeführt, der Like-Button (Gefällt mir). Da jeder irgendwie gemocht werden wolle, doziert McNamee, habe man mit dem Gefällt-mir-Button einen Gradmesser sozialer Anerkennung geschaffen. Bald habe so ziemlich jeder Facebook-Nutzer wissen wollen, wie viele Gefällt-mir-Meldungen er pro Eintrag erhalten habe. Allein das habe viele dazu gebracht, mehrmals am Tag nachzuschauen. „Wenn man sich erst dreimal am Tag bei Facebook einloggt, und das über Jahre hinweg, wird aus Gewohnheiten eine Sucht.“ Um vom Anzeigengeschäft leben zu können, müsse der Konzern die Aufmerksamkeit seiner Kunden erst gewinnen und dann halten.

„Und damit du ihnen Aufmerksamkeit schenkst, sprechen sie die ganze Skala der Gefühle an.“ Etwa die Angst. Vor etwas Angst zu haben, sich zu empören, beides gehöre nun mal zu den stärksten menschlichen Emotionen. Wobei die Empörung noch stärker wirke, wenn man sie mit anderen teile. Schließlich, schreibt McNamee, hätten die sozialen Medien salonfähig gemacht, was sozialer Druck früher eingedämmt habe: das Äußern extremer Ansichten. Zuckerberg, tadelt er, habe diesbezügliche Einwände nie wirklich ernst genommen.