Anspannung bei Stromhändlern

Probleme bei Sturm im Energienetz

Der Handelsraum von RWE: Hier kann es bei Sturm sehr hektisch werden.

Der Handelsraum von RWE: Hier kann es bei Sturm sehr hektisch werden.

Essen. RWE hat Mühe, bei Sturm das Elektrizitätsnetz stabil zu halten. Das hat mit der Energiewende zu tun.

Der riesige Saal ist vollgestopft mit Monitoren auf langen Schreibtischen. Vor manchem Händler türmen sich gleich vier Bildschirme. Ingenieur Martin Keiner ist verantwortlich für den Einsatz der Kraftwerke von RWE. Kurzfristig entscheidet er, welche Anlagen Strom produzieren und welche in Wartestellung bleiben. Er verkauft das Produkt an der Strombörse und erwirbt Brennstoffe, mit denen die Kraftwerke laufen.

Auf die Herstellung von Elektrizität wirken Wetterereignisse wie Xavier heute anders als früher. Vor Jahrzehnten brach bei Sturm mal eine Überlandleitung zusammen. Jetzt jedoch hängt ein guter Teil der Produktion vom Wetter ab. Wegen der Energiewende stammt mittlerweile ein Drittel der Elektrizität aus Wind- und Solarkraftwerken.

Pfeift der Wind und brennt die Sonne, sind große Energiemengen da. Sie können aber auch schnell ausfallen. Darauf müssen sich Firmen wie RWE einstellen.

Mittwoch, 4. Oktober, 21 Uhr

Während der Sturm den Alltag der Bürger erst am Donnerstag durcheinanderwirbelt, haben Keiner und seine Leute schon am Abend zuvor mit ihm zu tun. Die Windparks auf dem Meer, an der Küste und im Binnenland liefern rund 32 000 Megawatt (MW) elektrische Leistung – etwa das Dreifache des Durchschnitts, so viel wie 32 Atomkraftwerke.

Die hohe Windgeschwindigkeit von Xavier treibt die Rotoren an. Um die Stromleitungen nicht zu überfordern, schalten die Techniker die RWE-eigenen Braunkohlekraftwerke herunter. „Die Anlagen sind sehr flexibel. Im Laufe des Abends konnten wir sie auf halbe Leistung reduzieren“, sagt Keiner.

Steinkohle- und Gaskraftwerke produzieren bei dieser Wetterlage sowieso nicht. Nur die letzten drei Atomblöcke von RWE – Emsland und Gundremmingen – laufen in der Grundlast weiter, wie immer. Unter anderem wegen des starken Windes bleibt die Stromerzeugung trotzdem hoch. Demgegenüber ist die Nachfrage der Privathaushalte und Unternehmen vergleichsweise gering: Abends und nachts wird weniger Energie verbraucht. Das hat ökonomische Folgen: Der Preis, zu dem Keiner den RWE-Strom an der Strombörse in Leipzig verkaufen kann, sinkt auf unter zehn Euro pro Megawattstunde oder einen Cent pro Kilowattstunde.

Donnerstag, 5. Oktober, 13 Uhr

Das Zentrum des Orkans liegt jetzt über Deutschland. Mehrere Menschen werden sterben, erschlagen von umkippenden Bäumen oder Ästen. Der Bahnverkehr wird auf manchen Strecken eingestellt. Die Böen des Sturms sind bis zu 122 Kilometer pro Stunde schnell. Mittags kommt deshalb aus den Windmühlen noch mehr Leistung: 38 000 Megawatt, fast 80 Prozent des maximal Möglichen. Die Solaranlagen spendieren zusätzlich 11 000 Megawatt.

Zum Vergleich: Deutschland braucht zu diesem Zeitpunkt insgesamt 71 000 MW. „Die Erneuerbaren Energien liefern also 68 Prozent des Gesamtbedarfs“, erklärt Keiner.

In dem Moment meldet sich Amprion. Das ist eine der vier Firmen, die für die Höchstspannungsleitungen in Deutschland verantwortlich sind. Die dortigen Techniker sind in Sorge: Sie kalkulieren ein, dass der Wind nachlässt, ein Teil der riesigen Stromerzeugung dadurch plötzlich wegfällt und melden bei RWE zusätzlichen Bedarf an. Keiner: „Sehr schnell müssen wir deshalb zwei Gaskraftwerksblöcke in Lingen ans Netz bringen.“ Die betriebswirtschaftliche Kehrseite der Medaille für RWE: „Zeitweise ist der Preis für sofortige Lieferung negativ.“ Wie bitte?

Weil an der Strombörse mehr Leistung angeboten als verkauft wird, zahlt der Stromproduzent drauf. Vorübergehend muss er der Börse Geld überweisen, anstatt welches zu bekommen. Am Ende des Tages ist das Unternehmen dennoch im Plus.

Freitag, 6. Oktober, 18 Uhr

Allmählich beruhigt sich die Lage. Der Sturm hat nachgelassen. Dementsprechend geht das Angebot an Windstrom zurück. Es beträgt jetzt noch 20 000 MW. Keiner und seine Kollegen fahren die Braunkohlekraftwerke wieder hoch. Der Strompreis an der Börse liegt bei 40 Euro pro Megawattstunde.

„Die Tage von Xavier waren wirklich spannend“, sagt Keiner. „Sehr schnell reagieren und die Kraftwerke flexibel fahren – das ist die Herausforderung.“ Die wetterabhängige Produktion der erneuerbaren Energien auszugleichen und Reservekapazitäten zur Verfügung zu stellen, sei nicht immer einfach. „Mit solchen Schwankungen werden wir noch so lange zu kämpfen haben, bis es große Speichermöglichkeiten für Strom gibt“, so Keiner.

Das ist nämlich eines der Probleme der Energiewende. Wie kann man der Ökoenergie die Schwankungen der Stromproduktion abgewöhnen? Ein Weg: Batteriespeicher könnten überflüssigen Wind- und Solarstrom aufnehmen und in Zeiten der Knappheit zur Verfügung stellen.

Eine andere Methode: Die Windparks sollen sich selbst so regulieren, dass Spannung und Frequenz im öffentlichen Stromnetz konstant bleiben. Wenn beispielsweise Sturm aufkommt, muss ihre Steuerung registrieren, dass die eingespeiste Strommenge zu groß wird, und dann die Rotorblätter ein paar Grad aus dem Wind drehen. Daran arbeiten Wissenschaftler der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft in einem vom Bundeswirtschaftsministerium finanzierten Forschungsprojekt. Beide Varianten aber brauchen noch Zeit bis zur Marktreife. Bis dahin werden Leute wie Martin Keiner hin und wieder hektisch arbeiten müssen.