Der GA-Lehrstellencheck

So sieht die Arbeit eines Erziehers aus

Meckenheim. Job oder Flop? In neun Reportagen werden typische Ausbildungsberufe unter die Lupe genommen. Dieses Mal lernt Volontärin Nathalie Dreschke in der Meckenheimer Kita "Rappelkiste" den Beruf des Erziehers kennen.

Es ist kurz vor halb acht am Morgen. Noch ist es still im Flur. Die vielen, bunten Hausschuhe stehen noch geordnet unter den kleinen Sitzbänken. Doch die stille Atmosphäre gleicht nur der Ruhe vor dem Sturm: Nur wenige Minuten später herrscht lautes Gewusel in den Gängen, und die Garderobe füllt sich mit Jacken. Ich befinde mich in der Kita Rappelkiste in Meckenheim und teste den Beruf der Erzieherin. Einen Tag lang begleite ich die 23 Kinder der Schmetterlings-Gruppe, ihre drei Erzieher und die Auszubildende Monica Silva. Sobald die ersten Kinder mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken an der Hand ihrer Eltern das Gebäude betreten, beginnt für die Erzieher gleich ein herausfordernder Teil ihrer Arbeit.

Einige Kinder winken den Eltern nur fröhlich zum Abschied, bei anderen fließen schon die ersten Tränen. „Da ist Feingefühl gefragt“, erzählt mir die 23-jährige Monica Silva. Sie absolviert seit August ihr Anerkennungsjahr in der Kita Rappelkiste, zwei Jahre Berufsschule hat sie bereits hinter sich. Die Ausbildung zur Erzieherin unterscheidet sich von den klassischen Ausbildungsberufen.

Während es sonst üblich ist, drei Jahre in einem Betrieb die Ausbildung zu absolvieren und von Beginn an Geld zu verdienen, müssen angehende Erzieher vorerst zwei Jahre lang ein Berufskolleg besuchen. Erst im Anerkennungsjahr bekommen die Auszubildenden einen Lohn von rund 1500 Euro im Monat. Silva wusste schnell, dass die Ausbildung das Richtige für sie ist.„Ich wollte gerne mit Kindern arbeiten, das stand für mich fest.“ Nach einem Praktikum in der Grundschule wusste ich dann auch, dass ich lieber mit jüngeren Kindern arbeiten möchte“, erzählt die 23-Jährige. Die für den Beruf erforderliche Geduld und Empathie bringt die Auszubildende mit.

Schon kurz nach Ankunft der ersten Kinder wird beides auf die Probe gestellt: Im Bauzimmer der Schmetterlings-Gruppe haben sich drei Kinder noch vor dem morgendlichen Begrüßungskreis einem großen Projekt gewidmet. Das Ziel ist ein großen Turm aus Bauklötzen, der bis unter die Decke reicht. Logischerweise braucht man für das große Projekt mehrere Hände und Hilfsgegenstände. Und so klettern die Kinder auf Stühle und reichen sich die Bauklötze zu, als es zu einem kleinen Arbeitsunfall kommt: Ein Bauklotz trifft versehentlich Emil im Gesicht. Die Tränen fließen, und Emil gibt dem Bauherrn die Schuld. Doch Silva kann den Streit schnell schlichten und die Kinder vertragen sich.

Bis halb neun müssen die Kinder in die Kita gebracht werden. Insgesamt 55 Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren besuchen die Kita Rappelkiste, davon sind zehn Kinder in der Küken-Gruppe, 23 in der Schmetterlings-Gruppe und 22 in der Seepferdchen-Gruppe. Sechs Vollzeit-, sechs Teilzeitkräfte und eine Auszubildende kümmern sich um die Kleinen.

Nach der Ankunft versammeln sich alle im Stuhlkreis und begrüßen mich. „Bist du Karla Kolumna?“, fragt mich der kleine Finn Jai mit großen Augen. Als ich darauf erwidere, dass ich leider nicht so einen schönen Roller habe wie die rasende Reporterin aus der Zeichentrickserie Bibi Blocksberg, lachen die Kinder und nehmen mich in ihren Kreis auf. Es wird gemeinsam gesungen und über das bevorstehende Wochenende gesprochen. Danach werden die Kinder zum Spielen entlassen. An einem Tisch gibt es an diesem Vormittag eine Malstation, an einem anderen stehen Brettspiele bereit. Auch wenn die Erzieher sich aufteilen, um an den verschiedenen Stationen zu spielen, gehört zu dem Beruf viel mehr als nur spielen. Diesen Punkt betont Kita-Leiterin Aylin Ditzel wiederholt. „Viele junge Menschen beginnen die Ausbildung mit einer falschen Erwartungshaltung. Sie glauben, Erzieher könnten den ganzen Tag nur mit Kindern spielen und kuscheln.“ Neben zahlreichen Elterngesprächen müssen die Erzieher sämtliche Fortschritte der Kinder dokumentieren und individuelle Förderpläne erstellen.

Mehr Wegbegleiter als Erzieher

Schon während des Anerkennungsjahres kommt die Auszubildende Silva mit diesen Aufgaben in Berührung. Eine davon ist ein eigen konzipiertes Angebot für die Kinder zu dokumentieren. Die Ergebnisse überprüft eine Lehrerin. Silva besucht am Robert-Wetzler-Berufskolleg die Fachschule für Sozialpädagogik. Für ihre Abschlussprüfung muss sie mit anderen angehenden Erziehern eine Diskussion über ein Thema ihrer Wahl abhalten.

Dabei wird die Gruppe mit Auszubildenden aus verschiedenen Schwerpunkt-Bereichen zusammengestellt. Die verschiedenen Schwerpunkte sind zum Beispiel: Waldorf, unter und über drei Jahren, U/Ü drei, und der integrative Schwerpunkt. Gemeinsam werden dann die Unterschiede des angesetzten Themas herausgearbeitet. Ein Thema schwebt der 23-Jährigen bereits vor: Sprache in der Kita. Bis zu ihrer Prüfung hat die Auszubildende noch einige Monate Zeit. Seit September ist sie in den Erzieher-Alltag hineingewachsen. „Am stressigsten ist das Anziehen der Kinder, aber egal wie schwer es ist, ein Kinderlachen macht es wieder gut.“

Wie stressig das Anziehen für die Zeit auf dem Spielplatz ist, merke auch ich. Sieben Kinder möchten gleichzeitig von mir ihre Matschhose und Schuhe angezogen bekommen. So ziehe ich mit zwei Händen zwei verschiedene Kinder an und versuche nebenbei noch die kleine Laura zu trösten, die gerade Zoff mit Freundin Franzi hatte. Zum Glück sind die Tränen schnell getrocknet und ich kann mich auf der Rutsche der schönen Seite des Erzieherberufes widmen: dem Spielen. Obwohl die Kinder die meiste Zeit des Tages in der Kita verbringen, sieht sich Leiterin Ditzel weniger als eine „Erzieherin“. „Die Erziehung findet zu Hause im Elternhaus statt. Wir sehen uns als Begleiter der Kinder. Wir sind individuelle Wegbegleiter für jedes unserer Kinder.“

Sechs Volontäre und drei freie Mitarbeiter des General-Anzeigers und der Kölnischen Rundschau werfen sich einen Tag lang mitten ins Ausbildungsleben. Gehalt? Aufgaben? Perspektiven? In neun Reportagen suchen sie nach Antworten und beleuchten dabei die Vor- und Nachteile typischer Ausbildungsberufe.