GA-Serie "Bonn macht erfinderisch" - Folge 9

Endlich Chef

Bonn. Kaum noch Zeit für Freunde und Familie: Der eigene Boss zu sein, erfordert Opfer. Zwei Gründer aus der Region erzählen, warum sie es trotzdem wagen.

Der eine ist Familienvater, der andere Student. Doch Markus Busch und Julian Körver vereint ein großer gemeinsamer Traum: Sie sind beide Chef ihres eigenen Unternehmens geworden. Laut Bundeswirtschaftsministerium wagen jährlich 390 000 Gründer in Vollzeit den Sprung in die Selbstständigkeit. 520 000 Menschen tun das im Nebenerwerb. Das große Versprechen lautet berufliche Freiheit. Doch der Preis für die Selbstständigkeit ist hoch.

Seit Mai ist Markus Busch sein eigener Boss. Dafür hat er auf den Traum vom Eigenheim verzichtet und seine Ersparnisse in sein eigenes Start-up gesteckt. Auf einer Onlineplattform namens Gründermeile will Busch Produkte und Dienstleistungen für andere Start-ups vermitteln – von der Finanzberatung bis hin zum Messeset für Gründer mit Stellwand und Bannerwerbung. Die Provision dafür will er sich mit seinen Kunden teilen.

Vor einigen Monaten war Busch noch Angestellter, hatte einen sicheren Job als Qualitätsmanager und ein festes Einkommen. Nun ist er Chef, bezahlt vier Mitarbeiter und leitet in einem kleinen Büro in der Siegburger Innenstadt sein Projekt. „An die neue Rolle musste ich mich anfangs noch gewöhnen“, sagt er. „Das ist ein bisschen so wie frisch verheiratet zu sein.“

Verheiratet ist der 38-Jährige zwar bereits, 90 Stunden und mehr pro Woche verbringt Busch aber mit seinen Mitarbeitern. Sein Arbeitstag fängt um sechs Uhr an und endet nachts um halb Zwölf. Das Familienleben findet zwischen 19 und 20.30 Uhr sowie am Sonntag statt. „Markus ist ein sehr strukturierter Mensch“, sagen seine Mitarbeiter.

Mit neun Jahren das erste Mal am Schiffsruder

Der Gründer aus Hennef hat früh gelernt, was es heißt, Verantwortung zu tragen. Sein Vater, vor seinem Ruhestand ein selbstständiger Binnenschiffer, ließ den Sohn das erste Mal mit neun Jahren allein ans Steuer seines Schiffs. „Ich bin schnell erwachsen geworden“, sagt Busch. Sein Kopf steckt voller Einfälle. 160 Ideen hatte er über die Jahre gesammelt, vom Onlineshop für frische Lebensmittel bis zur Entwicklung reibungsloser Fahrrad-Dynamos. Ein paar Jahre vor seinem 40. Geburtstag sei der Druck dann zu groß geworden. „Jetzt bist du noch unvernünftig, aber auch erfahren genug, um es zu versuchen“, dachte er sich.

Julian Körver hat sich bereits mit Anfang 20 dafür entschieden, sein eigener Chef zu sein. Der 23-Jährige hat sich selbstständig gemacht und betreibt gemeinsam mit Gründer David Rein den Bad Honnefer Gewürzhandel (R)eintüten. „Seitdem hat sich eine Menge verändert“, sagt er. „Der Schritt in die Selbstständigkeit ist sehr zeitintensiv.“ Freizeit hat er seitdem fast gar keine mehr. „Ein soziales Leben habe ich im Moment kaum“, sagt er.

An diesem Mittwochnachmittag steht Körver am Stand seiner Weihnachtsmarktbude auf dem Bonner Münsterplatz, eingerahmt von vielen kleinen Gewürzgläsern und 46 verschiedenen Produkten. Einen festen Arbeitsplatz hat er nicht. Mal arbeitet er im Büro, auf Verkaufsständen oder in der eigenen Lagerhalle in Beuel. Eine Freundin hat Körver nicht, dafür habe er keine Zeit. Täglich arbeitet er nach eigenen Angaben bis zu 16 Stunden. Sieben Tage die Woche. „Zuhause bin ich nur zum Schlafen und zum Essen.“ Noch wohnt er Zuhause bei seinen Eltern in Königswinter, das sparrt Geld. „Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass das normale Leben an mir vorbeizieht“, sagt Körver.

Wenig Zeit für Familie und Freunde

Von ihrem Start-up so richtig leben können bislang weder Busch noch Körver. Während der erste noch von seinen Ersparnissen lebt und weiteres Geld in den Aufbau von Gründermeile steckt, machen die Jungs von (R)eintüten einen Umsatz zwischen 5000 und 15 000 Euro im Monat. „Davon stecken wir aber eigentlich jeden Cent wieder ins Unternehmen“, sagt Körver. Laut Start-up-Monitor des Bundesverbands Deutsche Startups haben im vergangenen Jahr 20 Prozent aller Start-ups noch keine Umsätze erwirtschaftet. Etwas mehr als 20 Prozent gaben einen Umsatz bis zu 25 000 Euro an. 500 000 Euro und mehr erwirtschafteten knapp 17 Prozent.

Wenig Freizeit und Verzicht auf Familie, Freunde und Hobbys – der Preis für das eigene Unternehmen scheint hoch zu sein. Groß ist aber auch die Motivation. „Es gibt mir ein Gefühl von Erfüllung, nicht für jemand anderen, sondern für mich selbst aufzustehen“, sagt Körver. Zudem sei er für seinen Gewürzhandel schon nach Indonesien, Portugal und Griechenland gereist, habe Messen in vielen Städten besucht. So komme er rum und sehe etwas von der Welt.

„Wenn man für seine Idee nicht lebt, kann man das nicht machen“, sagt Busch. Allerdings gibt es für ihn auch eine Grenze, alles würde er seinem Start-up dann doch nicht opfern: „Wenn ich merken sollte, dass meine Frau und meine Kinder dadurch Schaden nehmen, würde ich die Reißleine ziehen“, sagt er. „Meine Ehe würde ich für mein Start-up nicht aufs Spiel setzen.“

Die SerieStart-ups und kreative Ideen: Die Gründerszene in der Region beleuchten die GA-Volontäre in der Serie „Bonn macht erfinderisch“. Am Mittwoch, 21. Dezember, werfen wir einen Blick auf Start-ups in der Lifestyle-Branche. Anschließend schauen wir uns an, wie international der Gründergeist in Bonn ist.