Auswirkungen für Mittelständler

Bonner Cloud Unternehmertag diskutiert Digitalisierung

Siegwerk-Personalchefin Ulrike Lüneburg erläutert, wie 190 Jahre Firmengeschichte und Digitalisierung zusammenpassen. FOTO: WESTHOFF

Siegwerk-Personalchefin Ulrike Lüneburg erläutert, wie 190 Jahre Firmengeschichte und Digitalisierung zusammenpassen. FOTO: WESTHOFF

Bonn. Firmenvertreter aus der Region diskutieren beim Bonner „Cloud Unternehmertag“ über die Folgen der Digitalisierung. Eine wichtige Erkenntnis: „Jeder zweite Verwaltungs-Arbeitsplatz wird wegfallen“.

Der Siegburger Druckfarbenhersteller Siegwerk ist fast 190 Jahre alt und – wie Personalchefin Ulrike Lüneburg einräumt – „kein Vertreter der klassischen Digitalisierungsszene“. Und doch spielt das Internet in dem Traditionsunternehmen eine wachsende Rolle. Siegwerk-Mitarbeiter könnten sich auf einer Selbstlernplattform eigenverantwortlich weiterbilden, sagt Lüneburg. „Das ist eine ganz neue Sicht auf das Thema Lernen.“

Wie vor allem Mittelständler mit der Digitalisierung der Arbeitswelt umgehen, diskutierte die Siegwerk-Personalchefin am Mittwoch mit anderen Unternehmensvertretern aus der Region bei den sechsten „Cloud Unternehmertagen“ des Bonner Softwarehauses Scopevisio im Kameha Hotel vor rund 1000 Gästen. Dass tiefgreifende Veränderungen unvermeidlich sind, war dabei Konsens. Wie diese Veränderungen aussehen, beurteilten die Unternehmensvertreter ganz unterschiedlich.

Gastgeber Jörg Haas, unter anderem Gründer der Scopevisio AG und Eigentümer des Kameha Hotels, sieht vor allem die Chancen der Digitalisierung. Zwar führe die Automatisierung von Dienstleistungen dazu, dass in Zukunft viele Stellen wegfielen. „Aber wäre es denn so schlimm, wenn wir künftig nur noch 25 bis 30 Stunden die Woche arbeiten?“, fragte der Bonner Investor. Vor hundert Jahren hätten die Menschen in Europa auch deutlich länger gearbeitet als heute. Haas ist nach eigenen Worten zuversichtlich, „dass unsere Gesellschaft einen Weg findet, den Wohlstand nach der Digitalisierung gerecht zu verteilen“.

Netz-Experte Philipp Depiereux von der Unternehmensberatung Etventure sieht die Folgen der Digitalisierung weniger optimistisch. „Über kurz oder lang wird jeder zweite Arbeitsplatz in Verwaltungen wegfallen“, prognostiziert er. Die Arbeit von Steuerberatern oder Wirtschaftsprüfern übernehme bald Software. „Es wird höchste Zeit zu planen, was mit diesen Mitarbeitern passieren soll“, so Depiereux. „Aber das Interesse in der deutschen Politik an dem Thema ist viel zu gering.“

Als Unternehmen der Zukunft präsentierte sich der Internettelefonie-Dienstleister Sipgate. Dort gebe es keine Führungskräfte, sagte Firmenvertreter Sigurd Jaiser, der allerdings selber im Netz als „Mitglied der erweiterten Geschäftsführung“ auftritt. Entscheidungen, auch über Neueinstellungen, würden innerhalb der interdisziplinären Arbeitsteams getroffen, berichtet der Düsseldorfer.