Kleine Geschichte der Zukunft

Wie sich Zukunftsentwürfe im Laufe der Zeit immer wieder geändert haben

Bonn.  Prognosen haben in diesen Tagen Konjunktur. Was bringt das neue Jahr? Was die fernere Zukunft? Wie werden wir künftig leben und arbeiten? Kommt 2013 der große Eurocrash? Schmelzen die Eisberge noch schneller? Werden wieder mehr Kinder geboren? Oder kommt alles ganz anders? Wie ernst sind Prognosen, ja wie ernst ist die Zukunft überhaupt zu nehmen?
Utopisches Liebes-Paradies? Hieronymus Bosch malte den 'Garten der Lüste' um das Jahr 1500. Foto: dpa

"Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war", brachte der bayerische Komiker Karl Valentin einst auf den Punkt, dass sich die Vorstellungen über das, was kommt, im Laufe der Zeit immer wieder ändern. Erwarteten vor einem halben Jahrhundert viele Menschen eine schnelle Kolonisierung des Weltraums und fürchteten nichts mehr als den Ausbruch eines atomaren Weltkriegs, sind diese Visionen heute bereits wieder Geschichte.

Wie frühere Gesellschaften sich die Zukunft, ihre eigene Zukunft, vorgestellt haben, ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, der sogenannten historischen Zukunftsforschung.

Dabei wird gleich deutlich, dass unsere heutige Vorstellung von Zukunft nur eine von vielen ist. Und zwar nicht nur mit ihren Inhalten, sondern auch von ihrer ganzen Konzeption her. "Die Idee einer im Vergleich zur Gegenwart anderen, veränderbaren, durch den Menschen selbst beeinflussbaren Zukunft ist eine Erfindung der Neuzeit", sagt der der Bochumer Geschichtsprofessor Lucian Hölscher. Aus heutiger Sicht erscheint es selbstverständlich, dass schon immer alle Gesellschaften eine Zukunft vor sich hatten, ebenso wie eine Vergangenheit hinter sich.

"Bei näherer Beschäftigung mit vergangenen Gesellschaften entpuppt sich das aber als Irrtum", so Hölscher. Ein Indiz sei zum Beispiel, dass zahlreiche alte Sprachen keine futurische Verbform kannten. "Ähnlich verhielt es sich mit den Griechen und Römern: Sie kannten zwar in ihren Sprachen ein Futur, aber die zukünftige Welt war ihnen gleichwohl nichts anderes als die vergangene.

Alles schien sich zu wiederholen - wie Aussaat und Ernte so auch die Abfolge der Generationen und Reiche, der Kriege und Hungersnöte. Von einer Zukunft im heutigen Sinne konnte damals noch keine Rede sein." Im deutschen Wort "einst", das Zukunft wie auch Vergangenheit meinen kann, lebt dieser Gedanke fort.

Determinismus prägte das antike Weltbild: Alles war von den Göttern vorherbestimmt, eine entsprechend fatalistische Haltung nahmen die Menschen ein. Allerdings übte die Zukunft schon auf die Griechen große Anziehungskraft aus. Denn es gab besondere Möglichkeiten, sie in Erfahrung zu bringen: Traumdeutung, die berühmten Orakel und vieles mehr. In Athen wurde das Wahrsagen zu einer Wissenschaft entwickelt, in der, soweit überliefert, an die 230 verschiedene Methoden gebräuchlich waren. Der französische Historiker Georges Minois schreibt dazu: "Die Griechen lassen kein Mittel außer acht, um sich über die Zukunft zu informieren."

Information freilich, die nichts am vorherbestimmten Schicksal ändert. Im Gegenteil: In der griechischen Tragödie kämpft der Held regelmäßig gegen die ihm bekannte Vorsehung, nur um sie damit erst zu erfüllen. Das geniale Paradoxon der Tragödie bestätigt also einerseits die deterministische Weltsicht - der Mensch kann die Zukunft nicht ändern -, erlöst den Menschen aber andererseits wieder aus der passiven Position: Erst indem er etwas tut, erfüllt sich seine Zukunft.

Mehr noch als die Antike stand das Mittelalter grundsätzlich Veränderungen skeptisch gegenüber. "Dachte man an die Zukunft, so immer nur an die ,Zukunft' (adventum), das heißt die Wiederkehr Christi am Ende der Zeiten und an die damit zusammenhängenden Weissagungen der Bibel vom kommenden Weltgericht und dem dann anbrechenden Reich Gottes", schreibt Hölscher.

Mit dem Beginn der Neuzeit lösten sich die Menschen aber nach und nach von der Vorstellung, die Zukunft sei durch die Bibel ein für alle Mal vorgeschrieben. Künstler und Schriftsteller entwickeln spekulative geschlossene Zukunftsentwürfe und geschichtsphilosophische Gesellschaftsmodelle: Utopien. Zukünfte, wie sie wahrscheinlich nie, vielleicht aber doch Wirklichkeit werden könnten. Der britische Staatsmann Thomas Morus (1478-1535) plädiert in seinem 1516 erschienenen Hauptwerk "Utopia" unter anderem für die Abschaffung des Privateigentums. 350 Jahre später taucht der Gedanke als zentrales Element in der kommunistischen Utopie von Karl Marx und Friedrich Engels wieder auf.

Diese Zukunftsentwürfe, wie auch etwa jene von Tommaso Campanella ("Der Sonnenstaat") oder der Frühsozialisten über Herbert Spencer, Henry Adams und Oswald Spengler bis hin zu George Orwells "1984" oder Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" ebneten den Weg zu einem Zukunftsverständnis, bei dem "das Morgen immer weniger als Schicksal begriffen wird, sondern bestimmbar und gestaltbar erscheint", wie es der Nestor der deutschen Zukunftsforschung, der Physiker, Soziologe und langjährige Direktor und Geschäftsführer des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin, Rolf Kreibich, formuliert. Was allerdings dazu führt, "dass die Zukunft immer mehr und immer schneller das Denken und Handeln in der Gegenwart bestimmt".

Auch wurden Zukunftsfragen laut Kreibich "immer stärker von den naturwissenschaftlich-technischen Erfindungen und Innovationen geprägt. Mehr noch, sie fokussierten mehr und mehr auf einen einzigen Zukunftspfad, den der naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Entfaltung aller Lebensbereiche..." Wer kennt sie nicht, die erstaunlich treffsichere Science-Fiction von Jules Verne (1828-1905) mit seiner "Reise von der Erde zum Mond"? Oder den Communicator bei Raumschiff Enterprise, der die Erfindung des Handys vorwegnahm?

Das Problem: Spätestens ab den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts schien es zunehmend fraglich, ob Industrie und Technik die Zukunftsprobleme zu lösen imstande wären oder sie nicht im Gegenteil noch verschärften. Als neue Gefahren rückten Bevölkerungswachstum und Umweltverschmutzung in den Vordergrund. Zeitungen druckten Karikaturen, in denen der Kölner Dom, ja die ganze Welt im Müll erstickt. Symbol für den Paradigmenwechsel war die 1972 veröffentlichte Studie "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome. Laut Kreibich wurde sie erst möglich, weil der interdisziplinäre Pragmatismus der US-Forscher neue Zugänge zu Zukunftsfragen freigelegt hatte: Spieltheorie, System- und Modelltheorie, Kybernetik, Netzplanmethoden, Simulationstechniken und Szenarienbildung.

Heute wackelt auch dieser Zukunftsbegriff wieder. Weltende-Szenarien üben zwar nach wie vor auf viele Menschen eine gewisse Anziehungskraft aus, der Glaube an eine einheitliche Zukunft für alle Menschen ist aber erschüttert. Viele verschiedene Zukünfte scheinen möglich. "Es stellt sich die Frage, ob die Menschheit tatsächlich in ein und demselben Zeitraum lebt", schreibt Hölscher. Und: "Eine der wichtigsten Lehren, die in Europa aus den beiden Weltkriegen gezogen wurden, war eine nachhaltige Skepsis gegenüber allzu großen und langfristigen Utopien."

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