Analyse

Die schwierige Reise zum Merkur

Die Sonde BepiColombo umkreist den Merkur. Computeranimation: EADS Astrium

Die Sonde BepiColombo umkreist den Merkur. Computeranimation: EADS Astrium

20.10.2018 Kourou. Ein lauter Donner, eine riesige Rauchwolke: Die Sonde BepiColombo ist zum Merkur aufgebrochen. Es ist eine der bislang schwierigsten und teuersten Esa-Missionen.

Plötzlich ist es hell in der tropischen Nacht. Donner zieht durch den Dschungel, dichter Rauch steigt auf. Es ist 22.45 Uhr in Französisch-Guayana, als eine Ariane-Trägerrakete mit einem Feuerschweif vom Weltraumbahnhof Kourou abhebt.

Mit einem Rauschen und Zischen rast sie Richtung Himmel, bis nur noch ein kleiner Feuerball in der Dunkelheit zu sehen ist. Wenig später jubeln die Wissenschaftler, umarmen sich, applaudieren.

Es ist nicht irgendein Start, der hier im südamerikanischen Urwald gefeiert wird. Jedes Jahr verlassen Kourou ein Dutzend Raketen in Richtung Weltall. Doch diesmal trägt die Ariane 5 eine besonders kostbare Fracht: eine Doppelsonde, die in den kommenden sieben Jahren zum Merkur fliegen soll. Die Mission BepiColombo ist eine der schwierigsten und mit einem Budget von über zwei Milliarden Euro auch eine der teuersten in der Geschichte der Europäischen Weltraumorganisation Esa.

"Wenn die Menschen verstehen, was wir hier machen, dann werden sie fasziniert sein", sagt Esa-Chef Johann-Dietrich Wörner und strahlt. Er weiß, dass Europa und die Welt sehr genau hinsehen, ob und wie die Mission gelingt - erst recht angesichts der hohen Kosten.

Kaum ein Planet des Sonnensystems ist so wenig erforscht wie Merkur. Erst zweimal bekam er Besuch. 1974 erreichte ihn die US-Sonde "Mariner 10". Mit drei Vorbeiflügen kartierte sie rund 45 Prozent der Oberfläche des sonnennächsten Planeten. Einen erneuten Anlauf wagte die US-Raumfahrtbehörde Nasa im Jahr 2011. Die Sonde "Messenger" kreiste vier Jahre lang um den Merkur.

Jetzt will es die Esa wissen. Eigentlich sollte die Mission schon vor fünf Jahren starten, doch die Entwicklung der hochkomplexen Technik dauerte länger als gedacht. "Das ist nicht so schlimm", sagt Wörner rückblickend. "Klar, Verzögerungen sind nicht gut. Aber speziell bei diesen wissenschaftlichen Missionen steht immer im Vordergrund, dass die Technik wirklich zu hundert Prozent funktionieren soll."

Die besondere Herausforderung lag darin, dass der Flug zum Merkur einer Reise in einen Backofen gleicht. Die Sonneneinstrahlung ist auf dem Planeten so stark, dass es auf seiner Oberfläche tagsüber über 450 Grad heiß werden kann. Die Außenhüllen der Raumsonden werden sich beim Umkreisen des Planeten auf mehr als 360 Grad erhitzen. Die empfindliche Technik in ihrem Innern funktioniert aber nur bei unter 40 Grad – eine gewaltige Herausforderung für die Forscher.

Doch auch der Weg zum Merkur birgt Risiken. Nach dem komplizierten Startmanöver muss BepiColombo neun Milliarden Kilometer zurücklegen, bei einer Spitzengeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Sekunde (216 000 Kilometer pro Stunde). Um abzubremsen, fliegt die Doppelsonde ein Mal an der Erde, zwei Mal an der Venus und sechs Mal am Merkur vorbei. Denn wäre sie zu schnell, könnte sie in der Hitze der Sonne verglühen, statt die geplanten Merkur-Umlaufbahnen zu erreichen. "Es geht darum, während des ganzen Weges auf 3,4 Kilometer pro Sekunde (gut 12 000 Kilometer pro Stunde) runterzukommen", erklärt Airbus-Wissenschaftsdirektor Eckard Settelmeyer.

Sollte BepiColombo die Reise meistern, trennen sich am Ziel zwei Satelliten von der Sonde und erforschen den Merkur auf unterschiedlichen Umlaufbahnen. Der Esa-Satellit MPO (Mercury Planetary Orbiter) soll die Oberfläche untersuchen. Der japanische Satellit MMO (Mercury Magnetospheric Orbiter) nimmt das Magnetfeld des Planeten ins Visier. Er soll nach etwa 3,5 Jahren auf dem Merkur zerschellen.

Während die Mission BepiColombo gerade begonnen hat, plant Esa-Chef Wörner mit seinem Team schon die nächsten Herausforderungen. Die Sonde Juice soll ab 2022 zum Jupiter fliegen. Und Missionen für die 2030er Jahre nehmen bereits Form an. Wörner betont den Kooperationsgedanken der Esa: "Nur durch die Zusammenarbeit der Nationen können wir Missionen machen, die die einzelnen Nationen gar nicht finanzieren können."

Tatsächlich arbeiten nicht nur die 22 Mitgliedsstaaten der Esa eng zusammen, die Organisation kooperiert auch mit der Nasa, der russischen Weltraumbehörde Roskosmos oder - wie im Fall von BepiColombo - mit der japanischen Jaxa.

Doch längst drängen nicht mehr nur staatliche Akteure ins Weltall. Private Investoren bringen neuen Wettbewerb in die Raumfahrt. So möchte das US-Unternehmen SpaceX von Unternehmer Elon Musk Leben auf anderen Planeten ermöglichen. Und Amazon-Gründer Jeff Bezos hat das All mit seiner Firma Blue Origin als neues Betätigungsfeld entdeckt.

"Wettbewerb treibt. Das ist im Sport so, das ist auch in der Raumfahrt so", sagt Wörner. "Ich glaube, der Mensch wird zum Mars fliegen." Dennoch verfolgt er die Ambitionen von Musk und anderen mit Sorge. Der Idee, Planeten zu kolonisieren, kann Wörner nichts abgewinnen. "Die Erde ist viel zu schön, als dass wir in einer Blechbüchse auf einem Planeten oder auf einem Mond leben sollten." Es gehe darum, den eigenen Planeten zu retten. Und vielleicht können die Erkenntnisse von BepiColombo dazu beitragen. (dpa)