Sebastian Kurz und Robert Habeck

Wer sind die neuen Jungstars in der Politik?

Bonn. Sebastian Kurz (31) hat die Politik der ÖVP aufgerollt. Robert Habeck (48) schickt sich an, Ähnliches bei den Grünen zu tun. Eine Biographie des Österreichers und ein Selbstzeugnis des Holsteiners beleuchten das Jungstar-Phänomen.

Sebastian Kurz ist knapp über 30 und schon österreichischer Bundeskanzler. Ein politisches Talent, ohne Zweifel – und ein Mann, der durchaus noch 40 Jahre Politik machen kann, wenn ihm nichts dazwischen kommt. Der Bild-Reporter Paul Ronzheimer ist selbst Österreicher und hat jetzt eine erste Biographie über Kurz geschrieben. Das Buch lohnt die Lektüre, weil Kurz ein interessanter neuer Politikertypus ist und schon binnen weniger Jahre mit seiner pragmatischen Politik national und europäisch Akzente setzte. Vor allem in der Flüchtlingskrise war seine Haltung mit ausschlaggebend für die Probleme, die Südosteuropa und Deutschland bis heute belasten. Mit traumwandlerischer Sicherheit setzt er Themen und erobert er Positionen.

Grundlage des Buches waren Gespräche mit Kurz selbst, mit Weggefährten, anderen Politikern – aus Deutschland, der Ukraine und Österreich – sowie mit nahen Verwandten des ÖVP-Politikers. Ronzheimer gewinnt aus diesen Quellen ein umfassendes Bild, das wenigstens in Umrissen den Menschen Kurz hinter dem Politiker erkennbar macht, seine Stärken und viel weniger seine Schwächen auslotet. Denn der Autor schafft es nur an einigen Stellen, mehr zu liefern als die Allgemeinplätze des täglichen Nachrichtenbetriebes: Die Politiker gleicher Altersstufe zeigen sich ausnahmslos beeindruckt und attestieren Kurz hohes politisches Talent und Mut. Es wird nacherzählt, wie Kurz in der Flüchtlingskrise als Außenminister agierte, sich Freunde und eine Reihe von Gegnern machte; das alles kratzt jedoch meist nur an der Oberfläche, denn für tiefgreifende Analysen ist es ganz gewiss zu früh.

Kurz bringt alles mit, was auch langfristig funktionieren kann

Ronzheimer ist ein freundlicher Biograph, denn über Kurz' Ehrgeiz und seine Auftritte ließe sich ganz anders schreiben, als der Bild-Autor es tut. Die Bewunderung der Talente seines Gegenübers führen ihm oft genug den Text. Erfolg gibt jedem Politiker recht, auch wenn die ganz große Probe auf Belastbarkeit noch aussteht. In jedem Fall zeichnet der Autor das Bild eines Politikertypus, der in Europa derzeit an vielen Stellen auftaucht. Emmanuel Macron ist so jemand, aber auch Jens Spahn von der CDU oder Robert Habeck von den Grünen. Ein Trend wird erkennbar. Das Buch zeigt, wie Kurz in Zeiten neuer Medien und alternder Gesellschaften Politik macht. Vielleicht schaut Ronzheimer hier ein wenig der Zukunft über die Schulter.

Ronzheimer ist sich der Brüchigkeit seiner Beobachtungen offenbar bewusst, denn am Ende wägt er ab, ob Kurz die lange Strecke schafft oder nur von der Laune einer Wählerschaft nach oben getragen wurde, die mit dem bisherigen Personal unzufrieden ist. Aber deutlich wird auch: Kurz bringt schon nach wenigen Jahren in der Politik alles mit, was auch langfristig funktionieren kann. Mag sein, dass es in den kommenden Jahren immer wieder Bücher über Sebastian Kurz geben wird. Ronzheimer hat einen guten Grundstein gelegt.

Der neue Star der Grünen

Apropos Robert Habeck. Der neue Star der Grünen hat vor knapp einem Jahr sein persönliches Programm in Buchform vorgelegt. Offenbar das Ergebnis einer persönlichen Prüfung, wohin der eigene Weg und der der Grünen gehen könnte und wie beides zusammenpasst. Die Grünen müssen pragmatischer werden, Verantwortung übernehmen wollen und ihr Verhältnis zum Staat positiv klären, so die Kurzformel. Wer das zur Kenntnis genommen hat, wunderte sich nicht, dass Habeck zu den Architekten der Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein gehörte. Außerdem war er federführend an den gescheiterten Verhandlungen in Berlin beteiligt und ließ sich nach einem gescheiterten ersten Versuch erfolgreich zum Vorsitzenden der Grünen wählen.

Über diese Wochen reflektiert er in der aktualisierten Neuauflage seines Buches; auch über die Gründe des Scheiterns und die Unterschiede zwischen Kiel und Berlin. Habeck denkt und handelt ganz anders als Sebastian Kurz, aber auch er skizziert etwas Neues, das es in der Politik so bisher nicht gab. Ungewöhnlich ist sein Nachdenken über die Zukunft von Gesellschaft und Politik, über die Frage, warum beides so erkennbar auseinanderrückt und was dagegen zu tun wäre. Als bodenständiger Landwirtschaftsminister mit Verantwortung für große strukturschwache Regionen hat er einen ganz anderen Blick als Politikbeobachter in Berlin und Politiker in den Parteizentralen. Das ist sehr erhellend und macht Hoffnung, dass in der Bundespolitik noch nicht alles verloren ist. Außerdem schreibt Habeck mindestens so gut wie Ronzheimer. Schriftsteller gegen Journalist: Das Ergebnis ist unentschieden.

Paul Ronzheimer: Sebastian Kurz. Eine Biographie. Herder, 192 S., 24 Euro – Robert Habeck: Wer wagt, beginnt. Die Politik und ich. Vierte aktualisierte Auflage, Kiepenheuer & Witsch, 336 S., 14,99 Euro