Kommentar zu Deutschland/Österreich

Kurz-Besuch

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Empfang mit militärischen Ehren von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Empfang mit militärischen Ehren von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz.

BERLIN. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz ist ein politischer Durchstarter. Unser Autor meint: Der 31-Jährige geht seinen Weg. Ohne Schnörkel, ohne Umwege, ohne Zeitverlust.

Sebastian Kurz geht seinen Weg. Ohne Schnörkel, ohne Umwege, ohne Zeitverlust. Mit 27 Jahren Außenminister, mit 31 Jahren Bundeskanzler. Was soll da noch kommen? Ein Flug zum Mond vielleicht. Jetzt hat der neue österreichische Regierungschef einer sehr etablierten Amtskollegin in Berlin seine Aufwartung gemacht. Angela Merkel ist Profi genug, um zu wissen, dass ihr Gast aus Wien – trotz seiner reifen Jugend – gleichfalls Profi ist, sonst wäre er nicht dort, wo er ist. An der Spitze einer Bundesregierung.

Eine neue Generation Politiker ist in Europa gerade dabei, erst Ansprüche anzumelden und dann höchste Regierungsämter in freien Wahlen zu gewinnen. Erst Emmanuel Macron in Frankreich, jetzt Kurz in Österreich. Beide – das beruhigt – sind pro-europäisch, auch wenn Kurz mit der rechtspopulistischen FPÖ einen schwierigen Partner an seiner Seite hat, der den Nationalstaat stärker betont, als vielen überzeugten Europäern lieb sein kann. Macron wie Kurz scheren sich nicht um Altparteien. Sie gründen ihre eigene Bewegung. Neue Liste, neues Gesicht, neue Wähler. „Liste Sebastian Kurz“. Das traf ins Ziel.

Bundeskanzlerin Merkel wird sich die Person wie auch die Politik des geschmeidigen neuen Wiener Amtskollegen genau ansehen. Denn sie kann daraus lernen, sie wird ihre Rückschlüsse ziehen und sie wird sich für mögliche Angriffe aus den eigenen Unionsreihen gegen sie wappnen. Aufstrebende Ehrgeizlinge wie der selbst gefühlte Überflieger Jens Spahn, der in der österreichischen Wahlnacht am Hofe von Kurz vorbeischaute und dessen Sieg bejubelte, können kaum erwarten, dass Merkels Zeit zu Ende geht. Spahn wirkt dabei wie ein politisch Halbstarker, der mit den Großen raufen möchte, aber das Gewicht dafür noch nicht auf die Waage bringt. Kurz ist da schon einen entscheidenden Schritt weiter – in einem in vielen Punkten überschaubareren Land.

Merkel steht mit all ihrer Erfahrung nach zwölf Jahren als Bundeskanzlerin im Spätherbst ihrer Amtszeit. Womöglich wird es sehr bald sogar Winter für sie, aber das ist noch nicht abgemacht. Auch deshalb passt der Kurz-Besuch so gut in die Zeit, weil er einfach deutlich macht, wie politische Karrieren beginnen – und dass es überall ein Ende gibt. Unweigerlich. Merkel kämpft (ebenso wie CSU-Chef Horst Seehofer und SPD-Chef Martin Schulz) um die selbst bestimmte Fortsetzung ihrer politischen Karriere.

Das Vertrauen in ihre Person und ihre Politik ist geschrumpft. Kurz wiederum ist ausgestattet mit dem Vertrauensvorschuss, den ein junger, zumal frisch gewählter Regierungschef vom Wähler mit auf den Regierungsweg bekommt. Kurz verheißt seinem Land einen Aufbruch, den auch Merkel gerne in Deutschland verbreiten würde. Ihre Lage ist nur ungleich komplizierter. Kurz steht am Anfang, Merkel wiederum muss um eine Koalition bangen. Und einen Übergang gestalten.