25 Jahre Geiseldrama von Gladbeck

"Keine Angst. Ich beschütze dich"

Im August 2009 musste sich Hans-Jürgen Rösner erneut vor Gericht verantworten, weil in seiner Gefängniszelle Heroin gefunden wurde.

Die Folgen des Gladbecker Geiseldramas für Täter und Opfer, Politiker und Polizisten.

Hans-Jürgen Rösner wurde wie auch Dieter Degowski vom Landgericht Essen zu lebenslanger Haft verurteilt. Gemeinschaftlicher Menschenraub, Geiselnahme mit Todesfolge sowie versuchter Mord, weil er in Bremen auf das Fenster eines Wohnhauses und auf ein Taxi schoss. Wegen seiner kriminellen Vita als Hangtäter wurde ihm die anschließende Sicherungsverwahrung ins Urteil geschrieben. Laut Gutachten stammte die Kugel, die Silke Bischoff tötete, aus seiner Waffe. Allerdings konnte das Gericht keinen Beweis dafür feststellen, dass dies während des Schusswechsels mit der Polizei auf der A3 mit Vorsatz geschehen war.

Rösner saß in diversen Gefängnissen im Ruhrgebiet ein, davon lange Zeit in Bochum. 2009 wurde der Häftling wegen des Besitzes von Heroin, das man in seiner Zelle fand, zu weiteren sechs Monaten Haftstrafe verurteilt. 2012 wurde Rösner in die JVA Rheinbach verlegt und blieb dort ein Jahr, bis er vor wenigen Wochen nach Aachen verlegt wurde. Degowski hingegen sitzt seit seiner Verurteilung in Werl ein.

 

Marion Löblich wurde zu neun Jahren Haft verurteilt. Sie sagte sich von ihrem Geliebten Rösner los, wurde nach sechs Jahren wegen guter Führung vorzeitig entlassen, heiratete ein viertes Mal und lebt heute zurückgezogen in Magdeburg.

 

Bernd Meyer, Bremer Innensenator, übernahm die politische Verantwortung für die Geschehnisse und die Fehler der Polizeiführung in seinem Bundesland und trat zurück.

 

Herbert Schnoor hingegen blieb als Landesinnenminister in NRW im Amt. Vor dem Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtages nahm er die Polizeiführung ausdrücklich in Schutz und sagte, es habe "keine falschen Entscheidungen" gegeben - "nur einen Mangel an richtigen Entscheidungen".

 

Rainer Kesting, im August 1988 Chef des von der Polizeiführung ständig ausgebremsten SEK Dortmund, quittierte nach dem Drama frustriert den Dienst und machte sich mit einer Gebäudereinigungsfirma selbstständig.

 

Ines Voitle wurde bei dem Zugriff des SEK auf der Autobahn verletzt. Weitaus schlimmer waren die seelischen Verletzungen. Sie litt zwei Jahrzehnte lang unter Panikattacken, wenn sie sich mit fremden Menschen auf engstem Raum befand oder tiefer saß als andere - seit sich am 18. August 1988 die Menschenmassen in der Kölner Innenstadt um das Auto gedrängt hatten.

Die Psychotherapie wurde der damals 18-jährigen Geisel, die binnen zwei Tagen mit ansehen musste, wie ein 15-jähriger Junge und ihre beste Freundin erschossen wurden, 1988 nach nur sechs Wochen von der Krankenkasse gestrichen.

 

Die Familie de Giorgi ging zurück nach Italien, weil Mutter Giuseppina es in Bremen nicht mehr aushielt. Zu viele Erinnerungen. Vater Aldo fand jedoch keine Arbeit in der Heimat, so dass er jahrelang zwischen Bremen und Surbo in Apulien pendelte. Fast wäre die Familie daran zerbrochen.

In dem 6000-Einwohner-Städtchen Surbo im Süden der italienischen Halbinsel folgten im Spätsommer 1988 mehr als 25.000 Trauernde dem Sarg des von Degowski erschossenen Emanuele.

Die damals neunjährige Schwester Tatiana ist heute in Apulien verheiratet und hat vier Kinder. Das lenke sie ab, sagt sie. Aber ohne Medikamente macht sie nachts immer noch kein Auge zu. Auch nach 25 Jahren klingt ihr der Satz ihres Bruders in den Ohren, als Emanuele im Bus an der Raststätte Grundbergsee immer wieder zu ihr sagte: "Keine Angst. Ich beschütze dich. Dir wird nichts passieren."