Mittel zum Leben

Dürre und Existenznot der Landwirte

Ein Mähdrescher fährt über ein Getreidefeld. Die wochenlange Dürre könnte aus Sicht des Deutschen Bauernverbands viele Landwirte ohne rasche Hilfe in Existenznöte treiben. Foto: dpa

Ein Mähdrescher fährt über ein Getreidefeld. Die wochenlange Dürre könnte aus Sicht des Deutschen Bauernverbands viele Landwirte ohne rasche Hilfe in Existenznöte treiben. Foto: dpa

Berlin. Von der Massentierhaltung bis zum brutalen Marktdruck: Wann kommt das große Erwachen? Eine Bestandsaufnahme.

Heike Müller ist mit dem sehr eingeschränkten Sortiment eines Konsumladens in der DDR aufgewachsen. Der Supermarkt einer großen Kette sei für sie heute in Bezug auf Vielfalt und Standardqualität nahezu eine Offenbarung, schreibt sie auf Facebook. „Wer sind wir denn, dass wir hier über das Einkaufsverhalten unserer Mitmenschen die Nase rümpfen dürfen?“ fragt sie.

Müller ist Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern und schreibt jetzt einen offenen Brief aus Verärgerung über Vorwürfe, ihr Verband und viele Bauern verstünden die Zeichen der Zeit nicht. Sie hält es für einen Trugschluss, dass für eine Umstellung auf eine umweltfreundlichere Landwirtschaft höhere Produktpreise verlangt werden könnten.

Denn sie bezweifelt, dass Handel und Verbraucher teurer produzierte deutsche Lebensmittel kaufen, wenn keine entsprechende Nachfrage bestehe und Bauern im Ausland weiter normale konventionelle Produkte lieferten. Die ungewöhnliche wochenlange Hitze in diesem Jahr nach einem verregneten Sommer 2017 bringt einen Teil der Bauern in Existenznot. Ob, wie und wann Landwirte staatliche Hilfe bekommen, ist noch offen.

Für die Zukunft bleibt die Binsenweisheit: Bauern können in der Breite traditionelle Wege nur verlassen, wenn die Menschen, für die sie die Lebensmittel produzieren sowie Tiere füttern und zum Schlachter bringen, auch bereit und finanziell überhaupt in der Lage sind, dafür mehr Geld zu bezahlen. Für die Mittel zum Leben. Alle reden vom Klimawandel, aber die Minderheit fängt bei sich selbst an mit dem ersten wichtigen Schritt: umdenken. Eine Bestandsaufnahme.

Joachim Rukwied, Präsident des Bauernverbandes, fordert eine Milliarde Euro als Hilfe für die Landwirte. Was sagt er zum Vorwurf, sein Verband reagiere nicht auf den Klimawandel, und wie steht er zur traditionellen Landwirtschaft mit Massentierhaltung und Pflanzengiften?

„Wir wissen, dass auch wir Teil der Lösung sein müssen und wir handeln auch.“ Rukwied sagt damit im Subtext: Wir sind Teil des Problems. Das ist ein Fortschritt. Er spricht von einer selbst auferlegten Klimastrategie, „mit der wir uns selbst Emissionsreduktionsziele setzen“ und einer Ackerbaustrategie, „die eine eindeutige Veränderung hin zu noch mehr Nachhaltigkeit beschreibt“. In der Tierhaltung habe der Verband einen Vorschlag für eine verbindliche Herkunfts- und Haltungskennzeichnung gemacht.

Für die Grünen im Bundestag ist das aber lächerlich wenig. Warum?

Friedrich Ostendorff, Sprecher der Grünen für Agrarpolitik, sagt, der Bauernverband wehre sich traditionell mit der ihm zur Verfügung stehenden Lobbymacht gegen jegliche Reform hin zu einer verantwortungsvollen, ökologischen Landwirtschaft, die Klimaschutz, Tierhaltung und Flächennutzung in Einklang bringe. „Auch jetzt fordert er pauschal mehr Geld, statt einen Weg aus der Krise aufzuzeigen.“

Die Zukunft liege in einer ökologischen, umweltfreundlichen Landwirtschaft mit gesunden Böden, robusten Pflanzen und einer artgerechten Tierhaltung. Die Bundesregierung müsse zur Symptombekämpfung keine Dürreschäden bewerten. Sie müsse einen wirksamen Klimaschutzplan vorlegen, der Wege zu einer klimasensiblen Landwirtschaft aufzeige und ein anderes Wirtschaften ermögliche.

Was macht die Bundesregierung? Wird es Soforthilfen geben?

Erst einmal nicht – aber vermutlich bald. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sagt, zunächst müssten die Bundesländer die Schäden in ihren Regionen erfassen, die Ernteberichte lägen erst Ende August vor. Es gebe kein Steuerzahlergeld ohne Bedürftigkeit, ohne repräsentative Daten. Die Ministerin betont aber selbst, dass viele landwirtschaftliche Betriebe in Existenznöten seien, weil „das Korn am Halm vertrocknet“.

Können sich Bauern sich gegen Natureinflüsse im Ausmaß einer solchen Trockenheit versichern?

Der Bauernverband sagt, die Policen seien sehr teuer. Rukwied fordert deshalb eine ermäßigte Steuer auf Versicherungen wie gegen Starkregen, Hagel, Sturm und Starkfrösten.

Wie können Bauern sonst noch vorsorgen?

Im Gespräch sind eine Risikoausgleichsrücklage oder eine Klimawandelrücklage, bei der die Bauern in guten Jahren eine steuerfreie Rücklage für schlechte Jahre bilden könnten.

Ist die Hitze eine Gefahr für die Atomkraftwerke?

Das Bundesamt für Strahlenschutz erklärt, grundsätzlich sei kein Störfallszenario bekannt, bei dem Hitze oder niedriger Wasserstand ein Risiko darstellten.

Müssen Tiere angesichts des Futtermangels notgeschlachtet werden?

Von Notschlachtung wird gesprochen, wenn ein Tier krank oder verletzt ist, nicht, weil es früher als geplant zum Schlachter kommt. Aus der Not des Futtermangels heraus wurden aber im Juli viele Mastrinder zum Metzger gebracht bevor sie das sonst übliche Gewicht erreicht hatten. Es war für die Bauern billiger, das Tier töten zu lassen als aufwendig Futter zu besorgen – Experten sprechen davon, dass der „Nutzungszyklus vorzeitig beendet wird“.

Wie viele Rinder wurden vorzeitig zum Metzger gebracht, obwohl sie noch nicht das übliche Gewicht hatten?

Der Marktanalyst Matthias Kohlmüller von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft sagt, bundesweit seien im Juli im Vergleich zum Jahresdurchschnitt 20 Prozent mehr Tiere als sonst üblich geschlachtet worden und die Preise für das Fleisch so stark wie noch nie gesunken. Normalerweise würden wöchentlich 17 000 bis 18 000 Tiere geschlachtet, in diesem Juli seien es bis zu 22 000 in der Woche gewesen. Die Schlachtkuhpreise seien von 3,18 Euro um rund 40 Cent auf 2,80 Euro pro Kilogramm gesunken. Das sei ein „noch nie dagewesener Preissturz“. Der Preisverfall liege auch daran, dass die Tiere eigentlich noch nicht schlachtreif waren, weil sie weit weniger Gewicht gehabt hatten als für Mastrinder zu dem Zeitpunkt üblich. Zukauf von Futter sei relativ teuer und aufwendig. Reserven aus dem Vorjahr seien kaum vorhanden. „Damals sind viele Ernten durch zu viel Regen ersoffen.“ Ein Viehhändler habe gesagt: „Auf einen Schlag melden Tierhalter mitunter 20 bis 30 Rinder an und fragen nicht einmal nach dem Preis, sondern: Wann kannst du kommen?“

Müller schreibt übrigens noch süffisant: „Genießen Sie den Sommer – mit leckeren Produkten.“ Stellt sich die Frage, ob einem angesichts der ungelösten Probleme in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie nicht auch einmal der Appetit vergehen kann.