Nach der Wahl

Wie Türken in Deutschland den Erdogan-Sieg feiern

Erdogan-Anhänger feiern das Ergebnis der vorgezogenen Präsidenten- und Parlamentswahlen in der Türkei auf dem Kurfürstendamm.

Erdogan-Anhänger feiern das Ergebnis der vorgezogenen Präsidenten- und Parlamentswahlen in der Türkei auf dem Kurfürstendamm.

Bonn. Der türkische Präsident Erdogan erhält in Deutschland prozentual mehr Stimmen als in der Türkei. Seine Anhänger in Deutschland feiern ihn. Aus der deutschen Politik kommt Kritik.

Nach der Wiederwahl des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan haben seine Anhänger am Sonntag in mehreren deutschen Städten bis in die Nacht gefeiert. In Berlin gab es in der Innenstadt einen Autokorso mit rund 100 Fahrzeugen. Auch in Duisburg feierten die Erdogan-Anhänger: Die Polizei zählte mehr als 1000 Personen und mehr als 100 Autos, die zeitweise eine Straße blockierten.

Anhänger kletterten auf Ampelmasten, schwenkten Fahnen von Erdogans Partei AKP und zündeten Böller. Die Polizei war mit 80 Beamten im Einsatz und schrieb mehrere Anzeigen. Kleiner fielen die Feiern in Köln aus. Dort zählte die Polizei 50 Autos, die zwischen 22 Uhr und Mitternacht ihre Runden in der Innenstadt drehten. Teilweise wurden Bereiche zwischen Rudolf- und Friesenplatz abgesperrt. Die Beamten schrieben Anzeigen wegen Verkehrsverstößen. In Bonn hingegen blieb es ruhig. „Wir hatten keine besondere Lage“, teilte ein Sprecher der Polizei mit.

In Deutschland hatte rund die Hälfte der 1,44 Millionen Wahlberechtigten abgestimmt, dabei erhielt Erdogan im Verhältnis mehr Stimmen als in der Türkei: Laut staatlicher Nachrichtenagentur Anadolu lag er in Deutschland bei 64,78 Prozent, insgesamt bei 52,59 Prozent. Das beste Ergebnis erzielte er mit 76,3 Prozent in Essen. In Köln stimmten 65,9 Prozent für Erdogan.

Kritik aus der deutschen Politik

Das Wahlverhalten und der Jubel stießen in der deutschen Politik auf Kritik. „Die haben ja nicht nur gefeiert, dass ihr Alleinherrscher jetzt noch stärker Alleinherrscher wird, sondern die haben natürlich damit auch ein bisschen eine Ablehnung zur liberalen Demokratie zum Ausdruck gebracht, ähnlich wie es die AfD macht, und das sollte uns beschäftigen, auch mit Blick auf die Integrationsdebatte“, sagte Grünen-Politiker Cem Özdemir.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, Sevim Dagdelen, stimmte seiner Kritik zu. „Aber ich finde es zu billig, nur ein solches Urteil zu fällen“, sagte sie. Die Frage sei, warum so viele in Deutschland lebende Türken „ein solches autoritäres Regime wählen“. FDP-Generalsekretärin Nicola Beer zeigte sich „erschüttert“ über den Jubel der Deutsch-Türken. Dies zeige, dass mehr für die Integration getan werden müsse. Die muslimische Frauenrechtlerin Seyran Ates kritisierte, dass die Erdogan-Wähler hierzulande die Folgen ihrer Wahl nicht zu tragen hätten. Sie sähen bei Besuchen in der Heimat vermeintliche Fortschritte beim Straßenbau oder im Gesundheitssystem. Viele Erdogan-Gegner hingegen hätten nicht zur Wahl gehen können: „Es gibt viele Menschen, die Angst haben, ins Konsulat zu gehen, weil man ihnen den Pass wegnimmt.“

Die Türkische Gemeinde in Deutschland wies eine pauschale Kritik am Wahlverhalten der Deutsch-Türken zurück. Die Politiker in Deutschland sollten „selbstkritisch nach ihrem eigenen Anteil daran fragen, dass eine seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Gruppe im Staatschef eines anderen Landes ihren Anführer sieht“, sagte ihr Vorsitzender Gökay Sofuoglu. Ähnlich äußerte sich CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer. „Das (Ergebnis) lässt Rückfragen zu über die Frage, inwieweit es wirklich in der Vergangenheit gelungen ist, dass sich diese Bürgerinnen und Bürger vor allen Dingen und in erster Linie auch als deutsche Staatsbürgerinnen und Bürger fühlen und weniger als türkische.“