Kommentar zur Debatte um eine EU-Erweiterung

Fast schon tragisch

Blick auf den Runden Tisch beim Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs in der bulgarischen Hauptstadt.

Blick auf den Runden Tisch beim Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs in der bulgarischen Hauptstadt.

Bonn. Viele Gründe sprechen dafür, die Balkan-Länder enger an die EU zu binden. Die Situation erfordert einen Kompromiss, kommentiert GA-Chefredakteur Helge Matthiesen.

Die Europäische Union ist ganz offensichtlich nicht in der Verfassung, ein paar neue Mitglieder vom Balkan aufzunehmen. Das ist fast schon tragisch, denn es gibt viele gute Gründe, warum diese Länder eigentlich dringend enger an Europa gebunden werden müssten. Zunächst wäre es für diese Länder selbst von Nutzen, denn sie leiden unter den Folgen eines aggressiven Nationalismus. Ein gemeinsames politisches Dach, eine sinnvolle Minderheitenpolitik und mehr Wohlstand könnten diese Konflikte entschärfen. Strategisch wäre es gut, diese Region nicht den Russen, den islamischen Golfstaaten oder anderen Mächten zu überlassen. Ihr Einfluss dort wird auf Dauer zu neuer Unruhe führen.

Doch Europa hat sich bei den Beitritten schon einmal übernommen, als es mit Bulgarien und Rumänien Länder in die Gemeinschaft holte, die erst auf lange Sicht eine Verstärkung sein werden. Korruption, instabile Gesellschaften, Armutsmigration und schwächelnde Volkswirtschaften machen sie zu einer politischen Belastung. Auch deswegen leidet die EU an mangelhafter Akzeptanz bei vielen ihrer Bürger.

Die Situation erfordert einen Kompromiss. Europa sollte die teilweise verfeindeten Staaten auf dem Balkan enger an sich und enger aneinander binden, ohne ihnen eine Mitgliedschaft zu versprechen. Das würde dem Balkan neue Möglichkeiten eröffnen und ihn weiter befrieden. Das verschaffte aber auch der EU Zeit, sich nach dem Brexit zu konsolidieren. All das wäre nur eine halbe Lösung, aber mehr ist derzeit kaum möglich.