Die Schwäche einer starken Frau

Zweiter Zitteranfall bei Angela Merkel

Ein ihr angebotenes Glas Wasser lehnt Angela Merkel gestern ab.

Ein ihr angebotenes Glas Wasser lehnt Angela Merkel gestern ab.

Berlin. Der erneute Zitteranfall von Angela Merkel beunruhigt die Bürger. Was hat die Regierungschefin? Ist es wirklich nur harmloser Flüssigkeitsmangel?

Angela Merkel greift kurz nach dem Glas, aber sie nimmt es nicht in die Hand. Gerade hat sie den Fotografen und Kameraleuten noch einen prüfenden Blick zugeworfen. Sie weiß, dass wie immer jede ihrer Bewegungen im Bild festgehalten wird. Von einer politischen Schwäche kann man wissen, aber man kann sie äußerlich schwer erkennen. Körperliche Schwächen sieht man und – aus nächster Nähe aufgezeichnet – können sie schockierend wirken.

Vor allem, wenn es sich um die Bundeskanzlerin handelt, die zwar bekanntlich auch nur ein Mensch ist, aber trotzdem funktionieren soll wie eine Maschine. Vielleicht auch muss. Zumindest ist das Merkels Amtsverständnis, mit der Verantwortung für 83 Millionen Menschen und einer tragenden Rolle in der Welt.

So lächelt die 64-Jährige am Donnerstag im Schloss Bellevue dem herbei geeilten Bediensteten kurz zu und schüttelt dann mit dem Kopf. Er nimmt das Glas wieder mit. Vermutlich hätte Merkel das Wasser verschüttet. Denn sie zittert wieder am ganzen Körper. Die Regierungschefin mit einem Glas in der Hand, das sie nicht sicher zum Mund führen kann, wirkt noch schlimmer als eine Kanzlerin in einem vibrierender Körper, mit zusammengepressten Lippen und der Suche nach Halt, indem sie sich an ihren eigenen Arme festhält.

Ein Teilnehmer der Veranstaltung sagt, die Situation sei beklemmend gewesen und es sei auf eigentümliche Weise schmerzhaft zu beobachten, wie die Kanzlerin für einen Moment die Kontrolle über ihren Körper verliert.

Sie steht neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der gerade Katarina Barley die Entlassungs- und ihrer Nachfolgerin Christine Lambrecht als Justizministerin die Ernennungsurkunde überreicht. Im Saal herrschen angenehme Temperaturen. Merkel steht nicht wie vorige Woche beim Empfang für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mitten am Tag in der prallen Sonne. Die Vermutung, die Hitze könnte Schuld gewesen sein, trifft diesmal also nicht zu. Was dann?

Es gibt Außenstehende, die neurologische Ursachen für möglich halten oder auch psychische. Es gibt interne Hinweise, es sei nichts Schlimmes. Welches gesundheitliche Problem die Kanzlerin hat, wird nicht erklärt. Als sie sich im Schloss Bellevue aus dem starren Stand löst und wieder bewegt, fängt sie sich. Regierungssprecher Steffen Seibert teilt mit: „Der Bundeskanzlerin geht es gut.“ Alles finde statt wie geplant.

„Alles“ bedeutet in diesem Fall ein langer Flug nach Japan, ein Höllenprogramm beim dortigen G20-Gipfel mit Widersachern wie US-Präsident Donald Trump und Krisenthemen wie Handelskrieg und Spannungen zwischen dem Iran und den USA sowie ein anschließender EU-Sondergipfel in Brüssel mit Verhandlungen über die Besetzung der Top-Posten.

Wenige Stunden nach der Rebellion des Körpers steigt Merkel in den Flieger nach Osaka. So wie die Deutschen sie kennen, wird sie solange sie im Amt ist niemals einen Ton dazu sagen, ob es ihr schlecht geht. Erstens, um jene nicht zu beunruhigen, die sich wirklich Sorgen machen. Und zweitens im Wissen um das schonungslose politische Geschäft. Wer Schwäche zeigt verliert. Einen längeren Ausfall kann sich Merkel nicht leisten. Die große Koalition hängt am seidenen Faden, in einem Jahr übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Die Liste, die die Kanzlerin noch abarbeiten will, ist lang und schwierig. Allem voran das Ringen um den Klimaschutz.

Auszeiten kennt Merkel nicht. Nachsicht auch nicht. Als ihr Vater 2011 starb, sagte sie Termine ab, musste als CDU-Vorsitzende aber wenig später Stellung zu einer Landtagswahl beziehen und wurde der Kamera auf ihre Trauer angesprochen. Eine Kanzlerin weint nicht, auch wenn ihr so zu Mute wäre. Sie reißt sich zusammen, so wie es vermutlich eine gehörige Portion Kopfsache ist, den zitternden Körper doch wieder zu beherrschen. Als ihre Mutter vor knapp drei Monaten starb, blieb das für ein paar Tage geheim. Die Tochter konnte in dieser Zeit unbemerkt trauern. Als die Nachricht bekannt wurde, hatte sie gerade eine Befragung im Bundestag hinter sich, bei der sie auffallend unbeteiligt gewirkt hatte. Am Abend reiste sie zum EU-Gipfel nach Brüssel.

Was macht das mit einem Menschen, wenn er sich immer und überall im Griff haben und Schwächen vertuschen muss. Wenn es plötzlich zum Stresstest wird, in der Öffentlichkeit für ein paar Minuten regungslos zu stehen und Bedenken vor einem neuen Zitterschub zu haben? Merkel hat gesagt, sie stehe bis 2021 als Kanzlerin zur Verfügung – sofern ihre Gesundheit mitmache. Und: „Ich habe mir immer gewünscht und vorgenommen, meine staatspolitischen und parteipolitischen Ämter in Würde zu tragen und sie eines Tages auch in Würde zu verlassen.“ Den CDU-Vorsitz hat sie in Würde abgegeben. Der letzte Schritt steht ihr noch bevor. Er ist der schwerste.