Vereinte Nationen in Bonn

"Unsere Leute sind richtig glücklich hier"

BONN.  Das Bonner Zentrum wirkt so weit weg. Der Blick von der Kantine des UN-Campus im 29. Stock des "Langen Eugen" wird an diesem Tag am Horizont von einem grau verhangenen Himmel begrenzt. Bei klarem Wetter liegen den Mitarbeitern der 18 Organisationen der Vereinten Nationen hier praktisch die ganze Kölner Bucht und die schöne Rheinlandschaft mit dem Siebengebirge zu Füßen.

Der Weitblick ist Programm: "Am UN-Standort Bonn wird die Zukunft der Welt gestaltet", heißt es in einem Werbefilm des Auswärtigen Amtes. Und ganz so falsch ist das auch nicht. Rund 1000 UN-Mitarbeiter beschäftigen sich hier in den unterschiedlichen Organisationen mit Fragen des Klimawandels, der Wüstenbildung und der Nachhaltigkeit: vom Sekretariat des Abkommens zur Erhaltung der europäischen Fledermauspopulationen (EUROBATS) über das Sekretariat des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen zu Klimaänderungen (UNFCCC) bis zum Freiwilligenprogramm der Vereinten Nationen (UN Volonteers, UNV).

Darüber hinaus arbeiten laut Auswärtigem Amt weitere 4000 Experten an solchen zukunftsorientierten Themen: in den Fachministerien, an wissenschaftlichen Instituten (auch der Universität Bonn) sowie in anderen internationalen Organisationen und sogenannten NGOs (Nichtregierungs-organisationen).

Eines der ungewöhnlichsten ist der Global Crop Diversity Trust (GCDT), der vor allem wegen seines spektakulären Bunkers auf Spitzbergen mediale Aufmerksamkeit erhielt. 120 Meter tief in einer alten Kohlegrube lagert der Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt 4,5 Millionen Samenproben der wichtigsten Nutzpflanzenarten im Permafrost. Es ist so etwas wie die Lebensversicherung der Menschheit und könnte in Zukunft ihre Ernährung sichern.

"Hier in Bonn haben wir eine Möglichkeit für Partnerschaften, für eine Zusammenarbeit, wo technische und politische Willensbildung möglich ist, die es nirgendwo anders auf der Welt gibt", schwärmt Richard Dictus, UNV-Exekutivkoordinator und UN-Verantwortlicher für den Standort Deutschland, und setzt noch einen drauf: "Unsere Leute sind richtig glücklich hier."

Und doch gießt Dictus etwas Wasser in den Schampus. Was fehle, seien integrierende Elemente, so etwas wie eine organisierte Willkommenskultur. Eine Art Bürgerhandbuch auf Englisch, das gebe es leider nicht. Derzeit arbeite der Bonner UN-Standort daran, wenigstens das Kulturprogramm Bonns und andere Angebote ins Englische zu übersetzen. Bonner Oper- und Theaterangebote gebe es nur auf Deutsch, auch eine Übersicht über Sportvereine in englischer Sprache vermisst Dictus.

"Sportvereine sind das integrierende Element einer Stadt. Da stehen Eltern beim Fußballspiel am Feldrand und kommen in Kontakt." Englisch sei zumindest für jene Mitarbeiter, die nur wenige Jahre in Bonn bleiben, die Hauptsprache. Deutsch zu lernen in der kurzen Zeit, sei nicht möglich.

Ansonsten gibt es für Dictus einen kleinen, aber nicht unwesentlichen Unterschied zwischen den früheren Diplomaten und den UN-Mitarbeitern: "Unsere Leute sind genauso Volkswagen- und Toyotafahrer wie die anderen Bonner", sagt Dictus. Mit anderen Worten: Es sind Menschen mit Bodenhaftung, die Kontakt suchen und ihr Familienleben in Bonn einrichten.

Dass der UN-Campus in Bonn so abgesichert sei, habe nichts damit zu tun, dass man sich abschotten wolle, sagt Dictus. Ganz im Gegenteil. Es habe vielmehr mit der weltweit veränderten sicherheitspolitischen Situation zu tun. Der Exekutivkoordinator erinnert an den Anschlag 2003 auf das zum UN-Hauptquartier umfunktionierte Canal-Hotel in Bagdad, als fast 20 Menschen starben, darunter der UN-Sonderbeauftragte für den Irak, an den Selbstmordanschlag auf das Hauptquartier des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad 2009, wo fünf Menschen ums Leben kamen.

"Freunde von mir und ich selbst wurden in Algerien, in Somalia und vorletzte Woche in Afghanistan angegriffen. Der Terror ist für uns eine tägliche Bedrohung", sagt der gebürtige Niederländer. "Die Welt hat sich geändert, man kann als UN-Mitarbeiter, auch wenn man für das Gute in der Welt arbeitet, nicht mehr sicher sein."

Wie nah das selbst in Bonn gehen kann, habe er bei seiner Ankunft am Rhein erlebt. Dictus, Ende 2012 von Malawi nach Bonn versetzt, nimmt sich für die erste Zeit erst einmal ein Hotelzimmer, gleich gegenüber dem Bonner Hauptbahnhof. Sein erstes Erlebnis in Bonn: die weiträumige Evakuierung aufgrund der von mutmaßlichen Salafisten am Hauptbahnhof deponierten Taschenbombe.

Dictus zuckt die Achseln. "Die Leute haben ja Recht, wenn sie sagen, die UN gehören nicht hinter einem Zaun verschanzt - aber wir haben keine andere Wahl. Besteht eine Chance für einen Anschlag? Ja. Ist sie groß? Nein! Aber ich werde dafür einstehen, dass meine Leute sicher sind. Und ich möchte auch, dass unser Verhältnis zu Bonn, zu Deutschland ein gutes ist. Wir verstehen uns als integrativen Bestandteil dieser Stadt."

Daher arbeite der Standort auch intensiv daran, ein Informationszentrum am Bonner Campus einzurichten. "Die Menschen haben auch das Recht, das alles hier zu sehen. Letztlich arbeiten wir hier auf einem historischen Grund, wo demokratische Geschichte geschrieben wurde."

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