Internationalen Studien

Nur wenige der leistungsstärkeren Grundschüler können mithalten

BERLIN.  Am Ende ist sich die Wissenschaft doch nicht ganz sicher, wie sie das Ergebnis beurteilen soll. Ein wenig zerknirscht wirkt Wilfried Bos schon, wenn er sagt: "Es ist ein Halt auf hohem Niveau unter erschwerten Bedingungen. Aber es ist kein Grund zum Klagen."
Licht und Schatten in den deutschen Grundschulen: Die Schüler halten ihre Leistungen, doch es gibt auch Schwächen. Foto: dpa

Wieder einmal sind die deutschen Schüler getestet worden, dieses Mal die Viertklässler. Rund 4000 Kinder an 200 Schulen haben hierzulande teilgenommen. Es ging um Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.

Wie bei den letzten internationalen Vergleichsstudien 2006 beziehungsweise 2007 landeten die deutschen Schüler mit ihren Leistungen im oberen Drittel. Die wohl erfreulichste Nachricht: Kinder mit Migrationshintergrund haben gegenüber den letzten Malen in allen drei Bereichen aufgeholt.

Die Bedingungen, unter denen in Deutschland gelehrt und gelernt wird, sind insofern schwerer geworden, als die Zahl der Kinder aus Migrantenfamilien in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat.

Und dies um 25 Prozent, wie Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) gestern bei der Vorstellung der Vergleichsstudien IGLU (Lesen) und TIMMS (Mathematik und Naturwissenschaften) erläuterte. So hatten 2001 noch 22 Prozent der getesteten Kinder einen Migrationshintergrund, 2011 waren es bereits knapp 28 Prozent.

Dabei haben die Forscher auch ein Augenmerk darauf geworfen, wie hoch die Leistungsunterschiede sind zwischen Kindern, die zu Hause nicht durchgängig Deutsch sprechen, und Kindern mit Muttersprache Deutsch.

Letztere sind den anderen Schülern ein knappes Lernjahr voraus. Manche Länder schaffen es, diesen Vorsprung geringer zu halten. Norwegen und Spanien etwa weisen in Mathematik geringere Leistungsunterschiede zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund aus.

Das Schlagwort von den "Parallelgesellschaften" will der Dortmunder Bildungsforscher Bos gleichwohl nicht gelten lassen. "Für Deutschland generell ist das Thema Parallelgesellschaften obsolet." Die meisten Migrationsfamilien seien "integrationswillig". Nur in vier Prozent dieser Familien werde nie Deutsch gesprochen.

Auch mit der Vorstellung, dass junge Menschen nicht mehr lesen würden, räumt Bos auf: "Unsere Kinder lesen viel, und sie lesen gern." Und dabei gehe es nicht nur um E-Mails und Kurznachrichten, sondern richtige Texte.

Ein "neues Handlungsfeld" haben die Bildungspolitiker auch aufgetan. "Die Leistungsspitze der Grundschüler kann im internationalen Vergleich nicht mithalten", räumt Rabe ein, der auch Vorsitzender der Kultusministerkonferenz ist. "Wir müssen den mittleren und oberen Leistungsgruppen mehr Angebote machen", erklärt die Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium Cornelia Quennet-Thielen.

So sind in Deutschland bei fünf Kompetenzstufen in Mathematik nur fünf Prozent der Schüler in der obersten Kategorie gelandet - in Hongkong und Taiwan sind es über 30 Prozent der Schüler, in Singapur sogar 43 Prozent.

Das Gegenmittel: mehr individuelle Förderung, nicht nur für die schwachen, sondern auch die leistungsstarken Schüler. Das Zauberwort heißt Ganztagsunterricht. Hamburgs Senator Rabe mahnt, dass es mit "Sport und Freizeitangeboten am Nachmittag" nicht getan sei.

Also soll das Ganztagsangebot nun "qualitativ" ausgebaut werden. Woher das Geld kommen soll? Die Länder schielen auf den Bund. Aber Quennet-Thielen meint, da sei der Föderalismus vor. Rabe: "Das kann man ändern."

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