Peer Steinbrück

Immer wieder sonntags überrascht der Kanzlerkandidat

Bonn.  Zufälle gibt es, die sind keine. Just an dem Sonntag, an dem Peer Steinbrück den erfolgreichen Versuch unternimmt, sich bei den Bonnern unbeliebt zu machen, kursiert in den Sonntagsblättern eine - wahre - Geschichte aus dem vergangenen Jahrhundert. Im Mittelpunkt? Klar: Peer Steinbrück.
Wieder einmal zugelangt: Peer Steinbrück nach seiner Nominierung auf dem SPD-Parteitag im Dezember in Hannover.
								Foto: dpa
Wieder einmal zugelangt: Peer Steinbrück nach seiner Nominierung auf dem SPD-Parteitag im Dezember in Hannover. Foto: dpa

Die Geschichte geht kurz gefasst so: Der damalige Wirtschaftsminister in der schleswig-holsteinischen Landesregierung hat sich längst mit seiner Ministerpräsidentin Heide Simonis überworfen, die er - auf einen Nenner gebracht - für unfähig hält. Beide rasseln endgültig aneinander, als Steinbrück Mitte 1998 den Vorschlag eines "Nordstaates" macht, also der Auflösung des Landes das Wort redet, das er als Minister mit führt. Schleswig-Holstein solle mit Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg fusionieren, alles andere sei "Klein-Klein auf Pepita-Niveau".

Jeder weiß, wer damit gemeint ist. Heide Simonis trägt gern Kleinkariertes. Das Ende der gemeinsamen politischen Tätigkeit ist nah. Steinbrück erwägt den Abgang, der Job des Präsidenten des Sparkassen- und Giroverbandes Schleswig-Holstein ist gerade frei. Aber die rote Heide lässt ihn auflaufen. Aus dem Job wird nichts.

Die Geschichte ist deshalb so symbolträchtig, weil sie auf wundersame Weise das politische Dreieck nachzeichnet, das Peer Steinbrück in den vergangenen Tagen gebildet hat. Die Klage über das niedrige Gehalt eines Bundeskanzlers, dagegen gesetzt die auskömmlichen Bezüge von Sparkassendirektoren und das Berlin/Bonn-Gesetz.

"Ich sage, was ich denke und für richtig halte", sagt der Kanzlerkandidat aus Bad Godesberg an diesem Sonntag im Berliner Tagesspiegel. Auch wenn das, so sein Zusatz, "hier in Bonn nicht jeder gut finden mag". Da hat er wohl recht und das Echo kommt prompt und ist eindeutig. Der SPD-Kanzlerkandidat im nächsten Fettnapf, Peer - der Problem-Peer, wie bereits gespottet wird. Der so Gescholtene nimmt auch in diesem Interview die Antwort schon vorweg: "Manche Kritik moniert etwas, was ich so gar nicht gesagt habe."

Was also hat der Kanzlerkandidat diesmal denn gesagt? Folgendes: "Die Zeiten von doppelten Standorten der Ministerien werden irgendwann zu Ende gehen. Der bereits beschrittene Weg, Ministerialverwaltungen in oberste Bundesbehörden zu überführen, bietet sich als Lösung an." Das hat er gesagt. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Der politische Kopf Steinbrück weiß, dass Freund und Feind daraus machen müssen: "Steinbrück stellt das Berlin/Bonn-Gesetz in Frage." Was natürlich auch umgehend geschieht, etwa wenn Norbert Röttgen für die CDU erklärt: "Mit seiner Forderung eines vollständigen Umzugs aller Ministerien nach Berlin..."

Hat er nicht getan, er hat nur so getan.

Genauso war's im (hypothetischen) Fall seines künftigen Gehalts als Bundeskanzler. "Ich habe mitnichten gefordert, das Kanzlergehalt zu erhöhen", sagt er an diesem Sonntag. Und setzt hinzu: "Gerhard Schröder hat recht. Wem die Entlohnung nicht reicht, der sollte sich nicht bewerben. Und das ist auch selbstverständlich Grundlage meiner Kandidatur." Aber Steinbrück wäre nicht Steinbrück, wenn er es bei dieser Klarstellung beließe. Er ergänzt noch trotzig, weiter auf das Missverhältnis von Kanzleringehalt und Wirtschaftsgehältern verweisen zu wollen: "Diese Wahrheit werde ich nicht verschweigen, auch nicht als Kanzlerkandidat."

Auch bei der Berlin/Bonn-Passage gibt es gleich die passende Salbe dazu. Die Umwandlung von Ministerialverwaltungen in oberste Bundesbehörden gehe natürlich nur "unter Beachtung der den Beschäftigten gegebenen Zusagen", sagt der Kandidat. Und: "Bonn bleibt Bundesstadt und UN-Standort, aber der Platz der politischen Entscheider ist Berlin."

Was also will der Kandidat in diesem Fall? Seine oberste Leitlinie bietet dafür keine Klarheit, denn die lautet: "Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage." Kanzlergehalt hoch oder nicht? Alle Ministerien nach Berlin oder nicht? Der Kandidat sagt es nicht, er lässt nur zu, dass man denkt, er habe es gesagt...

Das macht er immer so. Nur seine Unberechenbarkeit bleibt berechenbar. Er lässt sich von Bankern teuer für einen Redeauftritt bezahlen, um sie dann in genau dieser Rede abzuwatschen. Er legt am zweiten Advent auf seinem Nominierungsparteitag in Hannover eine (linke) Rede hin, dass man sich fragt: Das ist Peer? Und er antwortet: "Hätte ich eine Rede halten sollen, mit der ich die eigene Partei quäle und demobilisiere? Das wäre doch absurd gewesen. Ich musste und wollte die SPD mobilisieren." Und schwups geht er gleich wieder von der Fahne, indem er anfügt: "Aber deswegen hänge ich doch nicht wie eine Marionette an Fäden..."

Wieder dieses Muster: Ich kann doch Tausende von Euro mit Vorträgen verdienen, ohne für die Belange der kleinen Leute unsensibel zu werden. Das war das Grundmuster seiner Erklärungen in der Vortragsgehaltsdebatte.

Und als er gefragt wird, ob ihm das Korsett des Kanzlerkandidaten zu eng sei, antwortet er: "Ein Kanzlerkandidat, der sich mühelos ins Parteikorsett einpasst, wird für viele Wähler nicht attraktiv sein." Fraglich ist, ob er es so tatsächlich wird. Zum Beispiel in Bonn. SPD-MdB Ulrich Kelber jedenfalls spricht seit gestern von einer "ernsten Lage für Bonn".

Weitere Artikel aus der Rubrik
Abo-Bestellung

Leserfavoriten

Folgen Sie uns auf Google+