Edouard Philippe zu Gast

Frankreichs Premierminister besucht Schule in Bonn

Bonn. In einer aufgeheizten politischen Zeit besucht der Pariser Premierminister Edouard Philippe das Gelände seiner alten Schule in Bonn und trifft NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.

"Ihr könnt den Premierminister mit euren Fragen ruhig herausfordern“, sagt Yoann Joly-Muller, eigentlich Kulturattaché an der französischen Botschaft, jetzt Moderator auf dem Podium in der Aula des Friedrich-Ebert-Gymnasiums (FEG) in Bonn. 26 Mädchen und Jungen, Oberstufenschüler aus Bonn, Köln und Düsseldorf, sitzen im Scheinwerferlicht auf der Bühne und stimmen sich auf den Besuch von Édouard Philippe ein, man kann es auch ein Aufwärmprogramm nennen. Wie hält man das Mikro? Wie spricht man den Regierungschef an? Müssen die Fragen wirklich nur auf Französisch gestellt werden? Kann das der Oberbürgermeister Ashok Sridharan dann auch verstehen?

Also gut, alles nur auf Französisch, das FEG hat einen bilingualen Zweig, in dem Erdkunde und Geschichte auch in der Sprache des Nachbarlandes gelehrt werden. Wie sagt Joly-Muller, ausnahmsweise auf Deutsch? „Französisch klingt gut, auch wenn man es nicht so gut spricht.“ Gelächter und Applaus im Saal, wo über 200 Schüler und Lehrer gespannt und auch ein wenig nervös warten.

Am 22. Januar wollen Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel den Aachener Vertrag in der Grenzstadt unterzeichnen. Édouard Philippe stellt in dieser Hinsicht so etwas wie die Vorhut dar. Dass er vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet später in der Godesberger Redoute empfangen wird, hat damit zu tun, dass der CDU-Regierungschef seit Anfang des Jahres zusätzlich Bevollmächtigter der Bundesrepublik für kulturelle Angelegenheiten im Rahmen des Vertrages über die deutsch-französische Zusammenarbeit ist. Der heißt meistens kurz „Elysée-Vertrag“, sein 50-jährige Bestehen wurde bereits 2013 feierlich von den Partnern begangen.

Den 48-jährigen Regierungschef, den Macron nach seiner Wahl im Mai 2017 ernannte, führt ein persönlicher Wunsch ans Ebert-Gymnasium: Er hat auf dem Gelände zwei Schuljahre verbracht. Der Sohn zweier Französischlehrer wurde in Rouen in Nordfrankreich geboren, seine Kindheit verbrachte er in einem Vorort seiner Geburtsstadt, bis sein Vater 1986 als Direktor an das französische Lycée De Gaulle-Adenauer in Bonn berufen wurde. „Das Lycée befand sich damals mit auf dem Gelände des Friedrich-Ebert-Gymnasiums“, berichtet der heutige Schulleiter Frank Langner. Dort legte Philippe 1988 das Baccalauréat ab.

Was macht einen guten Präsidenten aus?

Nun also die Fragen der Oberstufenschüler am FEG. „Ca fait bizarre“ (Das ist ein merkwürdiges Gefühl), sagt er, sichtlich bewegt. „Man kommt sich plötzlich so alt vor.“ 30 Jahre sind vergangen, seit er das letzte Mal den Fuß hierher gesetzt hat. „Vieles ist ähnlich und doch so ganz anders.“ Er kam als 15-Jähriger nach Deutschland, das noch ein geteiltes Land war. Die alte Bundesrepublik, „Westdeutschland“ habe man in Frankreich gesagt. Mochte er es? Zunächst nicht sehr, doch dann seien es „zwei außergewöhnliche Jahre“ geworden.

Isabelle möchte wissen, was einen guten Präsidenten ausmacht. „Man muss ständigen Stress aushalten können, der unvergleichlich ist.“ Ein Schüler aus dem Publikum geht auf die aktuelle Politik ein, spricht von der „politischen und sozialen Spaltung der Gesellschaft“ und den Protesten der „Gelben Westen“-Bewegung. Philippe, der sich bemüht, nicht zu schnell zu sprechen, sagt: „Widersprüche in einer Gesellschaft sind normal. Davor darf man keine Angst haben.“ Und: „Wir müssen eine große nationale Debatte eröffnen“, damit sich alle beachtet und mitgenommen fühlen.

Als Thema für die einstündige Begegnung in der Aula war „Frankreich reformieren, Europa neu gestalten“ ausgegeben worden. Eine Schülerin geht auf die Rede Macrons in der Sorbonne ein, in der er seine Reformvorhaben erläutert habe. Welche sei die wichtigste für ihn, Philippe? „Alle“, antwortet der studierte Jurist, erwähnt dann aber die Sicherheitspolitik: „Wir leben in einer gefährlichen Welt.“ Sei Europa überhaupt in der Lage, seine Sicherheit zu bewahren?, lautet seine rhetorisch gestellte Frage, deren Beantwortung er offen lässt. Im Aachener Vertrag jedenfalls haben Frankreich und Deutschland vereinbart, die Zusammenarbeit ihrer Streitkräfte zu vertiefen.

Eine engere Hochschulkooperation auf europäischer Ebene wünscht er sich auch, wobei er neben dem akademischen Austausch auch den von Auszubildenden empfiehlt, da könne Frankreich vom dualen Ausbildungssystem in Deutschland noch viel lernen.

Welche dicken Bretter zu bohren sind, wenn nationale Bildungssysteme aufeinander abgestimmt und gegenseitig anerkannt werden sollen, weiß Friedhelm Dilk zu berichten. Der 75-jährige Romanist war Schulleiter am FEG, als Patrick Philippe die Leitung des Lycées 1986 übernahm. Ihm verdanke die Schule die bilinguale Bibliothek, die bis heute als multimediales Dokumentations- und Informationszentrum dient. Dilk hat in langwierigen, mehrjährigen Verhandlungen mit dem französischen Staat mitgewirkt, das „Abibac“ am FEG zu etablieren – ein Doppeldiplom, das in beiden Ländern akzeptiert ist. In Bonn wurde es 1990 das erste Mal verliehen, heute gibt es in allen Bundesländern Gymnasien, die es anbieten.

Philippe gibt den jungen Leuten am Ende auf den Weg: „Macht euer Studium im Ausland“, eine solche Erfahrung sei unersetzbar. „Man lernt eine andere Kultur erst in der ganzen Tiefe kennen, wenn man ihre Sprache spricht.“