Türkei

„Morgen werden Bücher verboten“

Eine Institution in der Türkei: der Schriftsteller Zülfü Livaneli.

Eine Institution in der Türkei: der Schriftsteller Zülfü Livaneli.

Istanbul. Autor Zülfü Livaneli vergleicht Intellektuelle in der Türkei mit denen im „Dritten Reich“.

Ein international bekannter Erfolgsautor hat ein neues Buch veröffentlicht, darf aber nicht dafür werben. „Unruhe“ heißt der neue Roman des türkischen Komponisten und Schriftstellers Zülfü Livaneli – und schon der Titel war den Behörden zu heiß.

Die Istanbuler Verkehrsbetriebe lehnten es laut Autor jedenfalls mit Hinweis auf den Ausnahmezustand in der Türkei ab, Reklame für das Buch in der U-Bahn plakatieren zu lassen. „Mit dieser Ablehnung wollen sie den Leuten offenbar sagen: ‚Nein, ihr seid nicht beunruhigt‘“, sagte Livaneli der Oppositionszeitung „Cumhuriyet“.

Das mache ihm zwar an sich nicht viel aus, denn das Buch verkaufte sich schon in den ersten zwei Wochen 250 000 Mal: „Aber wo heute Buchplakate verboten werden, da werden morgen Bücher verboten.“

Livaneli ist eine Institution in der Türkei. In den 1970er Jahren wurde er als Komponist bekannt und erreichte bald ein internationales Publikum; seine Kompositionen wurden unter anderem von Joan Baez, Maria Farantouri und Udo Lindenberg gespielt. Der Höhepunkt seiner Musikkarriere in der Türkei war 1997 ein Konzert in Ankara mit einer halben Million Besucher.

Weltweit wurde er vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem griechischen Komponisten Mikis Theodorakis bekannt, die damals einen bahnbrechenden Schritt zur Annäherung zwischen den beiden Völkern darstellte. Für diese Friedensleistung wurden beide 1997 von der Bundesregierung mit einem Festakt auf dem Bonner Petersberg geehrt.

Als Schriftsteller macht Livaneli seither eine zweite Karriere, indem er heiße Themen der türkischen Gesellschaft in Romanen personalisiert und dramatisiert. Dass er dabei mitunter am Rande des Kitschs wandelt, stört seine Leser nicht, im Gegenteil: Sein Roman „Glückseligkeit“ etwa, in dem er sich 2002 mit den Ehrenmorden in der Türkei auseinandersetzte, wurde in mindestens acht Sprachen übersetzt und war auch in Deutschland ein Erfolg. In seinem aktuellen Buch greift Livaneli das Schicksal der Jesiden aus dem Irak und Syrien auf, die vor der Terrormiliz Islamischer Staat auf der Flucht sind und in der Türkei Zuflucht gefunden haben; daneben geht es wie in den meisten seiner Bücher um die Gewalt gegen Frauen im Nahen Osten.

Livaneli hat freilich noch eine dritte Karriere gemacht, und zwar als Politiker. Als ehemaliger Parlamentsabgeordneter der Republikanischen Volkspartei (CHP) ist er derzeit in der Opposition und gar nicht zufrieden mit der Lage im Land. „Als ich um die 20 Jahre alt war, saß ich im Gefängnis; nun bin ich 70 Jahre alt und halte vor dem Gefängnis Mahnwache für meine Kollegen“, sagte er der „Cumhuriyet“, die der CHP nahesteht.

Livaneli erinnerte daran, dass er nach dem Putsch von 1971 mehrfach im Gefängnis saß und schließlich ins Exil nach Stockholm und später nach Paris floh, wo er insgesamt elf Jahre lang blieb. Damals sei er jung und unbekannt gewesen. Wenn er nun wieder ins Exil ginge, wäre das „ungerecht und selbstsüchtig“, denn dann würde er viele Anhänger im Stich lassen. „Deshalb werde ich bleiben, gleich, was mir geschieht“, sagte er: „Menschen, die ehrenhaft leben, müssen auch ehrenhaft sterben.“

Ein Spruch wie von einer seiner Romanfiguren ist das, und auch mit dramatischen Vergleichen spart er nicht. Die türkischen Intellektuellen seien heute wie die deutschen Intellektuellen im „Dritten Reich“, sagte Livaneli: „Die einen leisten Widerstand, die anderen arrangieren sich mit dem Regime, und wieder andere schließen einfach die Augen und den Mund.“