Späte Gerechtigkeit

US-Ehepaar 21 Jahre unschuldig in Haft

Washington. Die erfundenen Vorwürfe von Missbrauch und Satanismus ließen Frances und Dan Keller durch die Hölle gehen. Jetzt bekam das Ehepaar eine Entschädigung von insgesamt 3,4 Millionen US-Dollar.

Der Gerichtssaal in der Nähe von Austin/Texas, in dem Frances und Dan Keller im November 1992 himmelschreiendes Unrecht geschah, existiert nicht mehr. Abgerissen. Der Prozess, der dort um angeblich satanisch motivierten Kindesmissbrauch stattgefunden hatte, rückte jetzt wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Er erwies sich als einer der größten Irrtümer in der US-Justizgeschichte.

Mit 80 000 Dollar pro erlittenem Jahr im Gefängnis wird das heute in ärmlichen Verhältnissen von Essensmarken im Städtchen New Braunfels lebende Ehepaar entschädigt – und offiziell von allen Vorwürfen entlastet. Macht zusammen 3,4 Millionen Dollar. Und eine blütenweiße Weste. Schlusspunkt einer Odyssee, die am Vorabend der deutschen Wiedervereinigung in einer Kindertagesstätte begann. Und die für die heute 67 und 74 Jahre alten Kellers mit einem lebensverändernden Albtraum endete.

Hexenjagd in den 80ern

1989 startet das Ehepaar in seinem Haus in Oak Hill einen privaten Kinderhort für Drei- bis Neunjährige. Schnell kommen zehn Knirpse zusammen, deren berufstätige Eltern froh über die Unterbringungsmöglichkeit sind. Alles läuft normal, bis sich im Sommer 1991 die damals drei Jahre alte Christina Chaviers beschwert: Dan Keller habe ihr den Hintern versohlt. Untersuchungen starten, die Behörden kommen ins Spiel. In Windeseile geraten die Kellers als „Horror-Paar“ in die Schlagzeilen. Zwei weitere Kinder sagen gegenüber der Polizei aus, Gerüchte über satanische Rituale machen die Runde. Danach sollen die Kellers Kinder und Babys vergewaltigt, getötet und zerstückelt haben. In anderen Fällen seien sie mit Schutzbefohlenen nach Mexiko geflogen, um sie dort von Militärs sexuell missbrauchen zu lassen. „Fran“ Keller habe zudem Tiere gefoltert und Kindern mit Blut vermischte Getränke eingeflößt.

Beweise oder Indizien? Unabhängige Zeugen? Gibt es nicht. Alles Hörensagen, geadelt von dubiosen Gutachtern. Es kommt zum Prozess. Als ein einzelner Arzt, Dr. Michael Mouw, bei einem kleinen Mädchen Spuren von sexuellem Missbrauch entdeckt haben will, bricht der Krug. Ende 1992 gehen die Kellers, die bis zum Schluss ihre Unschuld beteuern, ins Gefängnis. Für jeweils 48 Jahre. Das harte Urteil spielte sich vor einem besonderen Hintergrund ab. 1983 behauptete Judy Johnson, eine Mutter mit großen seelischen Problemen, ihr Sohn sei in der McMartin-Vorschule von Manhattan Beach nahe Los Angeles sexuell missbraucht worden. Die Medien stürzten sich auf den Fall, Experten schossen wie Pilze aus dem Boden. Im puritanischen Amerika entwickelte sich eine Hexenjagd. Psychologen redeten von einer „versteckten Epidemie“. In über 100 Städten wurden Mitte der 1980er Jahre Gerichtsverfahren gegen Betreuer kleiner Kinder wegen sexuellen Missbrauchs eröffnet.

Die allermeisten endeten so wie die Premiere in Manhattan Beach. Die Betreiberin Peggy McMartin Buckey und ihr Sohn Raymond, die angeblich im Beisein der Kinder Kaninchen, Tauben und ein Pferd geschlachtet und in einer Kirche ein Baby geopfert haben sollen, mussten sich in fast 400 Fällen verantworten. Zweieinhalb Jahre dauerte der Prozess. Neun Wochen beriet die Jury. Am Ende wurden die Angeklagten entlassen. Freispruch erster Klasse. Falscher Alarm. Und doch hat die Justiz daraus nicht viel gelernt.

Hölle im Namen des Volkes

Erst 2013 – vorausgegangen waren Nachermittlungen des Anwalts Keith Hampton, korrigierte Erklärungen der als Kronzeugen aufgetretenen Kinder und das Eingeständnis von Dr. Mouw, eine glatte Fehldiagnose gestellt zu haben – kamen Frances und Dan Keller frei. Nachdem ihnen im Namen des Volkes 21 Jahre ihres Lebens geraubt worden waren. Und vieles mehr. Das Ehepaar wurde nach Berichten des „Austin Chronicle“ in der Haft von Mitinsassen vergewaltigt, geschlagen und mit dem Tod bedroht. Fran Keller hat bis heute Albträume.

Nicht mehr in Haft zu sein, bedeutete für das verarmte Paar eine Freiheit mit Fragezeichen. Denn die offizielle Entlastung von allen strafrechtlich relevanten Vorwürfen wollte der Bundesstaat Texas zunächst nicht liefern. Aus Angst vor Repressalien mieden die Kellers den Kontakt mit ihren Enkeln und Urenkeln. Nur mit Mühe fanden sie einen Vermieter. Erst jetzt zog die amtierende Bezirks-Staatsanwältin Margaret Moore einen Schlussstrich und beglaubigte die „völlige Unschuld“ der Kellers. Die zeigten sich dankbar und demütig. Sie hegen öffentlich keinen Groll. „Wir können nun anfangen zu leben“, sagen sie.