Oktoberfest in München

O'zapft wird mit dem "Turbozapfhahn"

Am Samstag heißt es wieder "O'zapft is".

MÜNCHEN. Mit jährlich gut sechs Millionen Besuchern und noch mehr ausgeschenkten Maß Bier ist das am Samstag öffnende Münchner Oktoberfest das bedeutendste Volksfest seiner Art weltweit. Trotz seiner Bekanntheit birgt es Geheimnisse.

Das wichtigste ist seit dem diesjährigen Steuerprozess gegen Ex-Wiesnwirt Sepp Krätz gelüftet. Seitdem weiß man, dass ein großes Bierzelt pro Veranstaltung zwei Millionen Euro Reingewinn garantiert. Anderes liegt oft unerkannt in der Technik verborgen. Wenn Besucher sich in den Biertempeln oder am Nervenkitzel von Achterbahnen & Co berauschen, sind vielfach geschützte Erfindungen die Basis des Vergnügens. "Das Oktoberfest ist auch ein Fest der Patente - und die sind überall drin", sagt Oswald Schröder.

Als Kommunikationschef des ebenfalls in München residierenden Europäischen Patentamts hat er den Überblick. Spitzenreiter einer eigens für das Oktoberfest angefertigten Patentstatistik sind standesgemäß Bierzapfhähne. Auf sie entfallen 1813 erteilte Schutzrechte. 285 Patente betreffen Hähnchengrills, gut 130 weitere Achterbahnen und immerhin noch 43 Patente sind für Riesenräder aktiv. Ohne technische Innovation wäre das weltgrößte Volksfest nicht das, was es heute ist.

"In unseren Zelten verwenden wir den patentierten Turbozapfhahn", klärt Uwe Dabel auf. Er ist Technikchef der Münchner Paulaner-Brauerei, die vor Ort zwei große Bierburgen betreibt. Die Erfindung sorgt maßgeblich dafür, dass eine Maß binnen drei Sekunden gefüllt werden kann. Bis zu 70 000 Liter Gerstensaft werden an Spitzentagen in einem einzigen Festzelt gezapft. Ohne technische Schützenhilfe könnte der Bierdurst nicht gestillt werden.

Ähnlich bedeutend ist ein Magnetbremssystem, das in Achterbahnen oder einer anderen Oktoberfest-Attraktion arbeitet, dem mit 80 Metern Fallhöhe größten transportablen Free Fall Tower der Welt, sagt Harald Wanner. Er ist Geschäftsführer des Münchner Ingenieurbüros Stengel, das führend im Achterbahnbau ist. "Die Bremse funktioniert immer, auch bei Stromausfall muss man sich keine Sorgen machen", erklärt der Experte dessen Besonderheit.

Geschützte Innovationen sind auf der Wiesn schon seit vielen Jahrzehnten allgegenwärtig, ohne dass es Besucher in der Regel wissen. Schon Theodor Niederländers Großvater hat sich eine davon 1938 patentieren lassen. Es war der von ihm selbst entwickelte elektromagnetische Antrieb für die Krinoline, das älteste Wiesn-Fahrgeschäft überhaupt.

Bevor Niederländers Vorfahr die Idee hatte, wurde die Krinoline mit der Muskelkraft von vier Männern in Bewegung gehalten. "Er hat seine Idee patentiert, um sich davor zu schützen, dass Karussellfabriken alles nachbauen", sagt der Enkel.

Niederländers Patent ist mittlerweile längst ausgelaufen. Derartige Erfindungen kann man sich maximal 20 Jahre schützen lassen.

[kein Linktext vorhanden]Allgemein gilt der Bau von Fahrgeschäften aller Art bis heute als Domäne deutscher Ingenieurskunst. Allein mit dem Bau mobiler Achterbahnen, wie sie auf vielen Volksfesten stehen, und den Kolossen von Vergnügungsparks wird jedes Jahr ein Milliardenumsatz gemacht, so Branchenkenner. Deutsche Konstrukteure beherrschen zusammen mit Kollegen aus der Schweiz den Weltmarkt.

Ausgereizt ist der Erfindergeist offenbar noch nicht. In puncto Geschwindigkeit und Höhe sind moderne Fahrgeschäfte zwar inzwischen an die Grenze dessen geraten, was dem menschlichen Körper zumutbar ist.

In Zukunft soll patentierte Technik aber dafür sorgen, dass man in einer Achterbahn sitzt und selbst entscheidet, welchen Weg der Wagen nimmt. "Steilwandkurve oder doppelter Looping, das ist die personalisierte Achterbahn mit wählbarer Strecke", erklärt ein Experte des Europäischen Patentamts. Bei mobilen Varianten wie auf dem Oktoberfest bedürfe es dafür aber noch einiger Zeit.