"Basiert auf wahrer Begebenheit"

Wie viel Wahrheit in Blockbustern steckt

Filmfestival Locarno

Wie viel Wahrheit flackert wirklich über die Kinoleinwände?

Bonn. Immer wieder erheben erfolgreiche Filme den Anspruch, auf "wahren Begebenheiten" zu basieren. Doch darf dieser Aussage tatsächlich getraut werden? Das Tool eines britischen Journalisten will Abhilfe schaffen.

"Die nachfolgende Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten". Wie oft erscheint dieser Satz am Anfang eines Kinofilms und wie oft lässt er den Zuschauer glauben, dass da nun ein Blockbuster folgen wird, der sich an nichts als die reinen Fakten hält? Die Erwartungen an solche Erzählungen sind hoch, doch werden sie ebenso oft enttäuscht.

Kinoerfolge wie "12 Years a Slave", "Dallas Buyers Club" und "The Wolf of Wall Street" halten sich mitunter nur vage an belegbare Fakten. Ihre Regisseure und Drehbuchautoren erfinden Personen, ändern kurzerhand deren Vornamen oder lassen ihre Protagonisten gar an Orte reisen, die sie nie besucht haben. Dies geht zumindest aus einem Projekt von David McCandless , britischem Datenjournalisten, hervor, der gemeinsam mit seiner Kollegin Stephanie Smith mehrere erfolgreiche Kinofilme detailliert auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht hat.

Auf der Website "Information is beautiful" sind die Erkenntnisse der Analysen in farbenfrohen Grafiken visualisiert. Für 17 Blockbuster der vergangenen Jahre haben McCandless und Smith Zeitleisten erstellt, die Szene für Szene aufschlüsseln, wie viel Realität wirklich in den entsprechenden Produktionen steckt. Ist eine Filmszene etwa dunkelblau eingefärbt, ist sie als "wahr" ("true") einzustufen, hellblau bedeutet, dass die Sequenz "eher wahr" ("true-ish") ist, hellrot heißt "eher falsch" ("false-ish"), dunkelrot steht für "falsch" ("false"). Je mehr rote Markierungen ein Film also aufweist, desto eher sollte die dargestellte Handlung hinterfragt werden.

 

Nur eine einzige Produktion bringt es bei dieser Untersuchung auf einen Wahrheitsgehalt von 100 Prozent: "Selma" von Regisseurin Ava DuVernay. Das Historiendrama zeigt die Selma-von-Montgomery-Märsche des Jahres 1965, die den Höhepunkt der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung markierten. Einen Großteil des Films stufen McCandless und Smith als wahrheitsgemäß ein. Wenige Szenen konnten hingegen weder bestätigt noch widerlegt werden, weswegen diese das Ranking nicht beeinflussen.

Den niedrigsten Wahrheitsgehalt weist mit 41,4 Prozent "The Imitation Game" aus dem Jahr 2015 auf. Die Biografie verarbeitet das Leben des britischen Mathematikers und Informatikers Alan Turing. Allerdings hielt sich Regisseur Morten Tyldum dabei offensichtlich nur bedingt an die überlieferten Fakten. Denn nicht nur zahlreiche Unterhaltungen des Films haben so nie stattgefunden, auch Inspector Nock, der im Film eine maßgebliche Rolle vor Turings Verurteilung wegen Homosexualität spielt, existierte nicht.

Selbst oscarprämierte Produktionen wie "12 Years a Slave" und "Spotlight" erreichen lediglich eine Wertung von 88,1 Prozent und 76,2 Prozent. Im weiteren Ranking befinden sich unter anderem "The Big Short" mit 91,4 Prozent, "The Social Network" mit 76,1 Prozent, "Hidden Figures" mit 72,6 Prozent und "American Sniper" mit 56,9 Prozent.

Je nachdem, ob beim nächsten geplanten Filmabend nun also Unterhaltung oder Bildung im Vordergrund steht, sollte wohl zwei Mal überdacht werden, welcher Blockbuster in die engere Auswahl gelangt.