Verfilmung: „Colonia Dignidad“

Der Teufel aus Troisdorf

Troisdorf. „Colonia Dignidad“ läuft nun in den deutschen Kinos. Der Spielfilm erzählt von Paul Schäfer, der seine chilenische „Kolonie der Würde“ 1973 dem Diktator Pinochet als Folterlager andiente. Was das Kinopublikum nicht erfährt: Der gebürtige Bonner gründete die Sekte schon 1954 im Rheinland.

Jugendpfleger. Besser geht’s nicht. Paul Schäfer, am 4. Dezember 1921 in Bonn geboren und in Troisdorf aufgewachsen, verdingt sich nach Kriegsende als Hilfsarbeiter auf Jahrmärkten, bevor er den idealen Job findet, um seine pädophilen Neigungen auszuleben: Er bietet sich katholischen und evangelischen Organisationen im Rheinland als Betreuer an.

Immer wieder setzen ihm die kirchlichen Arbeitgeber den Stuhl vor die Tür, weil ruchbar wird, dass Schäfer Knaben in seine Wohnung bestellt, um sie über ihre sexuellen Fantasien auszufragen. Auch sein Hang zum Sadismus ist in rheinischen Kirchenkreisen bald kein Geheimnis mehr: In Ferienlagern müssen die Jungs eine Gasse bilden und mit Ruten auf einen gewaltsam entkleideten „Sünder“ einprügeln, der beim Naschen erwischt wurde. Ein Junge, der über Heimweh klagt, wird auf Schäfers Geheiß von der Meute als Mädchen verkleidet und in einen Kinderwagen gesteckt. Man belässt es stets bei diskreten Kündigungen, nie wird Schäfer angezeigt. In der Adenauer-Ära kehrt man so etwas lieber unter den Teppich.

Auch Schäfers Hang zum Sadismus ist in Kirchenkreisen im Rheinland bald kein Geheimnis mehr: In Ferienlagern müssen die Jungen eine Gasse bilden und mit Ruten auf den entblößten Körper eines „Sünders“ einprügeln, der beim Naschen erwischt wurde. Ein anderer Junge, der über Heimweh klagt, wird auf Geheiß Schäfers von der Meute als Säugling „verkleidet“ und in einen Kinderwagen gesteckt.

Nach seinem Rausschmiss als Troisdorfer CVJM-Jugendleiter verlässt Schäfer vorsichtshalber für eine Weile das Rheinland – und schließt sich im münsterländischen Gronau dem fundamentalistischen Flügel einer Baptisten-Gemeinde an: Heimatvertriebene und Russlanddeutsche, die vor dem Stalinismus geflohen sind, kinderreiche Familien und junge Kriegerwitwen; einfache Leute, die gelernt haben, sich Autoritäten widerspruchslos zu unterwerfen. Der charismatische Schäfer predigt ihnen vom Satan, von frommer Besitzlosigkeit und sexueller Askese.
Vor allem die Frauen lieben ihn abgöttisch; dabei verachtet er Frauen. Die Gläubigen müssen ihm in Beichten, die sorgsam protokolliert und archiviert werden, ihre intimsten Geheimnisse anvertrauen – dann auch ihre Lohntüten, zuletzt ihre Kinder.

Beim Amtsgericht der Kreisstadt Siegburg wird die Private Sociale Mission als gemeinnütziger Verein eingetragen, der „mildtätige Zwecke“ verfolge: die „Aufnahme gefährdeter Jugendlicher“. 1954 lässt Schäfer in der abgelegenen Ortschaft Heide, 20 Kilometer östlich der neuen Bundeshauptstadt Bonn, ein Kinderheim bauen – und errichtet dort nur wenige Jahre nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes seinen eigenen kleinen Terror-Staat.

Der Neubau der Jugendheimstatt in Heide entsteht in Eigenleistung nach Feierabend. Schließlich sind unter den Sektenmitgliedern viele tüchtige Handwerker. Dem 20-jährigen Maurergesellen Günther Bohnau befiehlt Schäfer, seinen Lohn abzuliefern und sich von seinem Mädchen zu trennen. Als sich der junge Mann obendrein einer „Teufelsaustreibung“ unterziehen soll (eines der üblichen sadistischen Rituale, wenn die Beichte nicht nach dem Geschmack des Gurus ausfällt), entscheidet sich der  junge Mann gegen die Sekte  – und damit gegen seine Familie. Vater Nathaniel, Mutter Helene, der Bruder und die Schwestern: „Sie alle waren Paul Schäfer längst hörig“, sagt Günther Bohnau.

 

Das Haus der Familie in Gronau, in dem er aufgewachsen ist, haben seine Eltern schon auf Paul Schäfer überschrieben. In den Schlafzimmern des Heims werden Abhöranlagen installiert und in abendlichen „Herrenrunden“, so Schäfers Vokabular, „gefallene Mädchen gezüchtigt; Schinkenklopfen, um die Hurengeister auszutreiben.“ 1961 hat die Siegburger Kripo die Aussagen der Eltern zweier vergewaltigter Jungen auf dem Tisch.

Doch bis die Bonner Staatsanwaltschaft mit dem Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der „Unzucht mit Abhängigen“ in die Gänge kommt, ist Schäfer schon auf und davon. Er fliegt nach Chile und kauft dort eine verfallene Farm – die Keimzelle seiner Colonia Dignidad – der berüchtigten „Kolonie der Würde“.

Schäfers Führungsstab, darunter ein ehemaliger SS-Offizier der Leibstandarte Adolf Hitler, bereitet derweil die Gemeinde im Rheinland auf den Exodus vor, den Umzug ins „gelobte Land“, indem die größte Angst dieser Menschen reaktiviert wird: Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis die Rote Armee in Westdeutschland einmarschiere.

In einer bis heute unbegreiflichen Nacht-und-Nebel-Aktion werden sämtliche möglichen Zeugen der Anklage, 150 Heimkinder, per Charterflug nach Chile verfrachtet. Das verlassene Heim in Heide kauft die Bundeswehr der Sekte ab, darin schlägt der Generalarzt der Luftwaffe seinen Dienstsitz auf. Mit deutschen Steuergeldern - 900.000 D-Mark Erlös aus dem Hausverkauf - wird der Aufbau der Schreckensfarm in Chile finanziert. Oberster Dienstherr der Bundeswehr ist zu dieser Zeit Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß.

Paul Schäfer muss sich lange Zeit als der ewige Verlierer gesehen haben: Sohn einer geschiedenen und bitterarmen alleinerziehenden Mutter, zweifacher Sitzenbleiber ohne erlernten Beruf. Klein und schmächtig, bei Raufereien auf dem Schulhof zog er stets den Kürzeren. Als Kind stieß er sich im Bastelunterricht ein Auge aus. Die Mitschüler nannten ihn fortan „Glasauge“. Deshalb will ihn selbst die Wehrmacht nicht haben. Eine böse Welt, die sich gegen ihn verschworen hat.

In Chile bastelt sich der Totalversager seine eigene Welt und erhebt sich zu ihrem gottähnlichen Herrscher. Die marode Farm am Fuß der Anden gut 450 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago lässt er von den 300 Sektenmitgliedern zu einem landwirtschaftlichen Mustergut aufbauen: völlige Selbstversorgung, eigene Werkstätten, eigene Ziegelei, sogar ein eigenes Krankenhaus mit zwei Operationssälen.

Der Unterwerfung der feindlichen Natur folgt die Unterwerfung der Menschen. Seine Anhänger lässt er ohne Lohn von frühmorgens bis spätabends schuften. „Arbeit ist Gottesdienst“ predigt Schäfer.

Männer, Frauen und Kinder werden in getrennten Häusern untergebracht, auch Eheleute und Familien leben getrennt. Säuglinge werden den Müttern gleich nach der Geburt weggenommen. Schon ein zu langer Blickkontakt zwischen Jugendlichen unterschiedlichen Geschlechts zieht drakonische Strafen nach sich. Zweifelnde Sektenmitglieder werden mit öffentlichen Züchtigungen, Elektroschocks und Psychopharmaka zurück in die Spur gebracht. Und nachts sucht sich Schäfer im Knabenhaus die Opfer für seine perversen Spiele aus.

Wer sich dabei willfährig zeigt, kann zum „Sprinter“ aufsteigen, zum Laufburschen des Führers. Der Nachwuchs geht ihm nicht aus, weil ihm die chilenischen Behörden Waisenkinder zuführen.

 

Schäfer perfektioniert seine Privatreligion, seine Theologie des Terrors. Der arbeitsfreie Sonntag und christliche Feiertage wie Weihnachten werden abgeschafft. Kinder dürfen Erwachsene, selbst ihre eigenen Eltern, nur mir Onkel oder Tante ansprechen.

An die Stelle der Bibel tritt die Lagerordnung. Von Nächstenliebe oder vom barmherzigen Gott, der Sünden vergibt, ist nicht mehr die Rede, nur noch vom Teufel, der ständig alle in Versuchung führt. Wer trotz der permanenten Gehirnwäsche nicht zum seelenlosen Roboter mutiert und an Flucht denkt, sieht sich von Stacheldraht, Stolperdrähten, Kameras, Suchscheinwerfern, schwer bewaffnetem Wachpersonal und bissigen Schäferhunden umgeben. Und von einer unbekannten Welt da draußen. Eine Flucht ohne Sprachkenntnisse, ohne Papiere, ohne Geld?

Sieben Jahre lang hört der junge Maurer Günther Bohnau in Siegburg nichts von seinen Angehörigen. Dann, im August 1968, erreicht ihn ein aus dem Lager geschmuggelter Brief seines Vaters: „Wir werden hier sehr schlecht behandelt. Die Kinder werden furchtbar geschlagen. Die Mama wurde schon ein Jahr und zehn Monate eingesperrt. Sie ist fast nur noch Haut und Knochen. Bitte hilf uns hier raus.“

Der Sohn alarmiert das Auswärtige Amt im nahen Bonn. Am 15. August ersucht er beim zuständigen Referat V/6 um Rechtshilfe. Man versichert ihm, alles werde zur Prüfung an die Botschaft in Santiago weitergeleitet. Günther Bohnau hört nie wieder etwas aus Bonn. Kein Wunder: Einige Diplomaten der deutschen Botschaft in Chile, unter ihnen Erich Strätling, von 1976 bis 1979 Botschafter in Santiago, pflegen engen Kontakt zu Paul Schäfer.

Konsularisches wie Passverlängerungen oder Lebensbescheinigungen für die Rente erledigt die Botschaft großzügig in Sammelverfahren. Auf Schäfers chilenischem Bankkonto landen so jährlich mehr als eine halbe Million D-Mark deutsche Rentenzahlungen.

 

Als Amnesty International 1977 schwere Menschenrechtsverletzungen in der „Kolonie der Würde“ öffentlich anprangert, wird der deutsche Botschafter von seinem Bonner Dienstherren aufgefordert, die Vorwürfe zu prüfen. Strätling meldet bald zurück, die „Gerüchte“ seien völlig aus der Luft gegriffen, und spricht von einer „geradezu vorbildlich bewirtschafteten Siedlung“.

Kindergärtnerin Lotti Packmor, die 1985 mit ihrem Mann aus der Kolonie fliehen kann, sagt später in einer Anhörung des Bundestages: „Ich kann mich an den Besuch des Herrn Botschafters erinnern. Er hat einen herrlichen Empfang bekommen. Er sagte, es sei ihm wie im Märchen bei Schneewittchen ergangen: hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen sei es viel schöner...

Unser Blasorchester hat ihn im feierlich geschmückten Saal empfangen. Die deutsche Nationalhymne wurde gespielt. Es war eben ein ganz offizieller Staatsempfang. Wir haben wochenlang für diesen Besuch geübt.“

Vor 1985 gab es nur einen einzigen erfolgreichen Fluchtversuch: 1964 gelingt es dem 20-Jährigen Wolfgang Kneese unter abenteuerlichen Umständen, aus dem Lager zu entkommen. Mit ihm gründet Günther Bohnau die „Not- und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad“. Sie halten Vorträge, schreiben sich die Finger wund. Vergebens. 1991 gesteht Günther Bohnau dem Bonner General-Anzeiger: „Ich habe aufgegeben. Ich bin im Lauf der Jahre mutlos geworden.“

Paul Schäfer verfügt in Deutschland über prominente, einflussreiche Fürsprecher und Helfer. Im Speisesaal des Lagers hängt ein gerahmtes Porträt des CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß. Auch andere CSU-Politiker wie Wolfgang Vogelsgesang machen kein Hehl daraus, Gäste in der Kolonie gewesen zu sein.

Der Königswinterer Waffenhändler und ehemalige SS-Offizier Gerhard Mertins (Merex AG) gründet den „Freundeskreis Colonia Dignidad“, dem auch ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal nahesteht. Und der CDU-Bundestagsabgeordnete Adolf Herkenrath, 25 Jahre lang Bürgermeister der Stadt Siegburg, legt sich permanent mit den Colonia-Kritikern an.

Zum Beispiel mit Parteifreund Norbert Blüm. „Herr Blüm hat, wenn er die Kolonie beurteilen will, gegenüber mir einen entscheidenden Nachteil: Er war noch nie drin“, bemerkt Herkenrath 1989 süffisant. Was er unerwähnt lässt: CDU-Bundespolitiker Norbert Blüm versuchte, bei einem Chile-Besuch im Juli 1987 in das Lager vorzudringen, wurde aber barsch abgewiesen – wie auch alle anderen, die sich ein objektives Bild machen wollen.

Darunter eine prominent besetzte internationale Delegation, die Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher nach einem Gespräch mit Blüm in Marsch setzt. Auch die Ersuchen der Bonner Justiz um Amtshilfe werden vom Pinochet-Regime abgeschmettert. Bis schließlich alle Straftaten aus Schäfers Zeit im Rheinland verjährt sind.

Mit dem Militärputsch 1973 und dem fast 17 Jahre währenden grausamen Regime des Diktators General Augusto Pinochet wächst Paul Schäfers Macht ins Unvorstellbare. Das sorgsam abgeschottete Gelände der „Colonia Dignidad“ dient dem berüchtigten chilenischen Geheimdienst Dina als geheimer Ort, um Regimegegner gefangen zu halten, bestialisch zu foltern, zu ermorden, spurlos verschwinden zu lassen.

In der Kolonie wird sogar ein Ausbildungszentrum für Folterer eingerichtet. Zum Dank tolerieren die Machthaber den steilen Aufstieg der Deutschen-Farm zu einem der größten Wirtschaftsunternehmen Chiles. Die Colonia Dignidad, von der Fläche her mittlerweile so groß wie das Saarland, besitzt sogar Bergwerke zum Abbau von Titan und Molybdän.

Erst Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ermittelt die chilenische Justiz erstmals ernsthaft gegen die Colonia Dignidad. Einem Haftbefehl wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von 27 Kindern entzieht sich Schäfer 1998 durch Flucht über die nahe argentinische Grenze. Im Juni 2005 stöbert ihn die Polizei in Buenos Aires auf und liefert ihn nach Chile aus. Schäfers früheres Opfer Wolfgang Kneese besteigt am nächsten Tag eine Maschine nach Santiago. Kurz vor dem Abflug sagt er im Telefonat mit dem General-Anzeiger: „Ich will Schäfer hinter Gittern sehen. Wir sind von ihm betrogen worden; um unsere Ideale, unser Leben“. Wolfgang Kneese, der 1964 aus der Colonia Dignidad Geflohene, war zwölf Jahre alt, als Schäfer ihn das erste Mal vergewaltigte. Gleich in der ersten Nacht, nachdem er ins Heim von Heide gekommen war. „Die einzige menschliche Zuwendung, die wir Kinder erhielten, war der sexuelle Akt mit Paul Schäfer. Und dafür muss das Schwein bezahlen.“ Diese Genugtuung erfährt sein Mitstreiter nicht mehr: Günther Bohnau ist neun Jahre zuvor gestorben. „Aus Gram“, sagt seine Frau dem General-Anzeiger. „Paul Schäfer hat ihn kaputt gemacht.“

Nach Schäfers Verhaftung entdeckt die Polizei auf dem Sektengelände ein gigantisches Waffenarsenal. Maschinengewehre, Raketenwerfer – genug, um einen Krieg zu führen. Im Januar 2006 stößt sie auf ein Massengrab: zu Tode gefolterte Gegner der Militärdiktatur. Am 24. Mai 2006 wird der nunmehr 84-jährige Paul Schäfer in Santiago wegen des sexuellen Missbrauchs von 25 Kindern zu einer Freiheitsstrafe von zwanzig Jahren verurteilt. Weitere Verurteilungen, etwa wegen Giftmords, folgen in Haft, die Gefängnisstrafe wächst auf 33 Jahre an. Viel davon muss er nicht mehr verbüßen: Am 24. April 2010 stirbt Paul Schäfer im biblischen Alter von 88 Jahren im Gefängnishospital von Santiago an einem Herzleiden.

 

Der WDR hat GA-Chefreporter Wolfgang Kaes während der Recherche zum Thema Colonia Dignidad begleitet. Den Film gibt es hier.