Konzert im Rheinenergiestadion

So waren Phil Collins' Auftritte in Köln

Köln. Am Freitag und Samstag hat Phil Collins im Rahmen seiner "Still Not Dead Yet Live"-Tour zwei Konzerte im Rheinenergiestadion in Köln gegeben. Gut zwei Stunden wanderte er an den Abenden durch fast 50 Erfolgsjahre.

Sheryl Crow tritt im Vorprogramm auf. Ihre Mischung aus Blues, Country und Singer-/Songwriter passt so gar nicht zum poppigen Sound des Headliners. Trotzdem gelingt es ihr, Glanzpunkte vor dem emotionalen Auftritt von Phil Collins zu schaffen. Sheryl Crow ist 57 Jahre alt. Man glaubt es kaum.

Phil Collins ist ein gebrechlicher Mann. Mit einem Gehstock geht er langsam zu einem Drehstuhl, den er nur zweimal für eine kurze Pause verlässt.

Ein Bild des Jammers oder der realistische Eindruck eines Mannes, der in Würde gealtert ist, der seine physischen Widrigkeiten nicht verbirgt. Eins ist ihm geblieben - seine glasklare Stimme. Er hat eine Rückenoperation gehabt, sein Fuß ist „fucked“. Weitere physische Einschränkungen spricht er nicht an. 2009 musste er sich einer Halswirbeloperation unterziehen mit der Folge, dass er Taubheitsgefühle in den Händen hat. Er kann nicht mehr trommeln. 2013 wäre er fast an seinen Alkoholproblemen gestorben. Seine aktuelle Tour nennt er „Still Not Dead Yet“ – „Immer noch nicht tot.“ Englischer Humor.

Nein, er lebt. Er hat zwei Töchter und drei Söhne, man ist wieder eine Familie. Seit 2016 lebt er mit seiner dritten Frau Orianne Cevey zusammen. Sein 18-jähriger Sohn Nicholas bedient die Drums. Das macht er wirklich gut. Eine Gnade, die Begabung an seinen Sohn weiterzugeben. Mit 68 Jahren fügt sich wieder alles zusammen.

Gut zwei Stunden wandert er durch fast 50 Erfolgsjahre. Es gibt keine Ecken und Kanten, er liefert ein einziges Hitfeuerwerk. Eigentlich möchte er „Sussudio“ und „You Can’t Hurry Love“ nicht mehr spielen, aber er tut es, er möchte niemanden enttäuschen.

Bläser und der Gospelchor jubilieren

14 Akteure stehen auf der Bühne. Ein vierköpfiger Gospelchor und vier starke Bläser, Daryl Stuermer (Gitarre), den er schon seit Genesistagen kennt, Brad Cole (Keyboards), Richie Gajate Garcia (Percussion) und Ronnie Caryl (Rhythmusgitarre), die schon seit ewigen Zeiten bei Phil Collins Live-Band mitspielen und Leland Sklar (Bass), eine kuriose Figur mit ZZ-Top-Bart und schlohweißem Haar. Und Nicholas Collins.

Die Bläser und der Gospelchor jubilieren, die Saxofon-Soli brillieren, die Gitarren schmelzen dahin. Eine nostalgische Zeitreise, auf die Collins das Publikum wie auf einer Wolke mitnimmt. Er beginnt mit „Against All Odds“: Allen Schwierigkeiten zum Trotz, man kann als Kampfansage an gesundheitliche Probleme sehen. Es folgt „Another Day in Paradise“, ein Schmusestück, könnte man meinen. Textlich geht es um Obdachlose. Wir sind „in Paradise“, weil wir Geld für Essen und Wohnung haben. Wir übersehen die Ausgestoßenen.  

„Vor 200 bis 300 Jahren war ich Mitglied einer Band, die Genesis hieß.“  Es folgen zwei Genesis-Stücke. Auf den Videoleinwänden werden alte Aufnahmen gezeigt, wie gut er als Drummer war und wie quicklebendig er performen konnte. Heute kann er den Stuhl nicht mehr verlassen, aber er hat einen Sohn, der das kann, was er am besten konnte, das Drumkit zu bedienen. Nicholas und der Percussionist Richie Gajate Garcia machen das, was man in Konzerten aus den 60er und 70er Jahre kennt.

Mit überlangen Drumsoli konnte man die Konzertbesucher in den Wahnsinn treiben oder (selten) zu großen Glücksgefühlen mitreißen. Als noch Phil Collins einsteigt, ist die Begeisterung riesig. Die Bläsersektion tönt aus allen Rohren. Wer will da noch sitzen? „In the Air Tonight“ bricht alle Dämme. Ein langer Gitarrenakkord, ein langes Saitenziehen, die Drums schaffen Spannung, am Ende ein Schrei von Phil Collins, der alles zur Explosion bringt. Ein Gefühlsausbruch wie eine Reinigung. Alle sind bereit für das letzte Drittel, jetzt auch endlich mit großer Lightshow. Phil Collins macht alle glücklich. Er kann es, wie er es früher konnte. Das alte Charisma ist da.