Premiere in Köln

Calis „Istanbul“ zeigt die Türkei als Baustelle

Tee und Politik: Szene aus „Istanbul“.

Tee und Politik: Szene aus „Istanbul“.

Köln. Nuran David Calis „Istanbul“ hat im Depot 2 des Kölner Schauspiels die Uraufführung gefeiert. Das Stück bildet den Abschluss der Trilogie.

Die Sicherheitsbaken mit den schrägen rotweißen Streifen stehen am rechten Rand der Bühne. Damit zwar im Abseits, aber aufgrund ihrer Signalwirkung trotzdem gut sichtbar. Die Bühne selbst wird beherrscht von drei riesigen weißen Wänden auf Rollen. Dann gibt es da noch einen Tisch mit Stühlen. Ein Sofa. Und sechs Menschen.

In Nuran Calis Collage „Istanbul“, die Samstag im Depot 2 des Schauspiels Köln uraufgeführt wurde, sind Dogan Akhanli, Ismet Büyük, Ayler Sentürk Demir, Seán McDonagh, Ines Marie Westernströer und Kutlu Yurtseven das, was sie tatsächlich sind. Sechs Menschen, die in Köln leben. Als Schriftsteller, Teppichhändler, Reisekauffrau, Schauspieler, Schauspielerin und als Musiker und Pädagoge.

Vier sind türkischstämmig, einer hat eine irische Mutter. Zwei wurden in der Türkei geboren, vier in Deutschland. Was bedeutet Heimat für sie? Wo liegt diese Heimat? Ist es ein Ort? Oder sind es eher die Menschen, mit denen man lebt und die man liebt, die einen Ort zum Zuhause machen? Nach „Die Lücke“ (2014) und „Glaubenskämpfer“ (2016) kreist der dritte Teil der Trilogie von Autor und Schriftsteller Calis primär um diese Fragen. Wieder greift er mit Büyük und Demir auf zwei Anwohner der Keupstraße zurück, die 2004 zum Ziel des NSU-Nagelbombenattentats wurden.

Aber die Fronten haben sich durch den Putschversuch vom 15. Juli 2016 und durch den nachfolgenden Kurs der Erdogan-Regierung bis hin zur Änderung der Verfassung verhärtet. Türken, Deutschtürken und Deutsche, Erdogan-Anhänger, -sympathisanten und -gegner sitzen zwar (im Theater) noch gemeinsam an einem Tisch und trinken Tee, aber zwischen ihnen tun sich Gräben auf. „Also ich versteh' euch nicht – dass ihr diesen Staat nicht mal hinterfragt“, ruft Westernströer aus. Und hadert gleichzeitig mit ihrer Rolle als Mahnerin: „Ich bin die Scheißdeutsche, die euch wieder anklagt.“ „Euch“, das sind Menschen wie Büyük, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt, aber die Türkei mit Waffengewalt verteidigen würde oder Demir, die beim Referendum dafür gestimmt hat: „Ich finde mich bei Erdogan wieder, weil ich wieder als gläubige Frau akzeptiert werde.“

McDonagh erzählt vom selbst erlebten Reflex, sich klein zu machen in einer Gesellschaft, in der man ankommen will, wobei man weiß, dass man dort nie ankommen wird. Akhanli von der Folter, die er 1980 in Istanbul erlitt. Einer Stadt, die für ihn nicht länger Heimat war, „sondern eine der hässlichsten Städte der Welt“. In diesen Momenten ist die Uraufführung am stärksten.

Auch Sultan Mehmed II kommt zu Wort

Aber es werden auch Briefe und Berichte vorgelesen, Fotos und Fakten, Zitate und Zahlen eingeblendet. In Spielhandlungen verkörpern die Schauspieler die kurdische Schriftstellerin Asli Erdogan, die im Juli 2016 verhaftet wurde oder den jüngeren Dogan Akhanli.

Auch Sultan Mehmed II kommt zu Wort, der 1453 Istanbul zur Hauptstadt des osmanischen Reiches machte. Bei zwei Stunden ohne Pause verursacht die Fülle von Informationen und Ebenen mitunter Stau in den Gehirnen. Die Türkei. Eine Baustelle. Am Bosporus wie in Deutschland. Und noch für lange Zeit. Man hätte die Baken nicht beiseiteräumen müssen.

Weitere Aufführungen: 16.05. (evtl. Restkarten), 30.05., 1.6., 5.6., 13.6., 20.6, 1.7., jeweils 20 Uhr. Tickets: Tel. 0221 221 28 400. Dauer: 120 Minuten (ohne Pause). Schauspiel Köln im Depot 2, Schanzenstr. 6 -20. Weitere Informationen unter www.schauspiel.koeln