Gesellschaft für Kunst und Gestaltung

Wie funktioniert die Stadt?

Die Welt der Flaneure: Gustave Caillebottes Gemälde "La Place de l'Europe à Paris. Temps de pluie" von 1877 aus Chicago findet sich leider nur im Katalog .

Die Stadt sei kein Naturraum wie ein Korallenriff, aber auch kein statistisches Zufallsgebilde aus dem Computer, meint Alexander G. Keul. Die Stadt entstehe physisch und psychisch, steinern wie kommunikativ als Produkt von Geschichte, Ökonomie, Kultur und Politik.

In seinem Aufsatz "Wieviel Schönheit braucht die Lebensqualität?" öffnet der promovierte Meteorologe und Psychologe ein weites Feld. Wie funktionieren Städte? Wie ticken ihre Bewohner?

In einer Salzburger Studie setzten etwa Bürger bei einem Ranking über die positiven Aspekte ihres Stadtteils "Grün", "Natur" und "ländlich" an die erste Stelle, "zentral" an die zweite, "ruhig" an die dritte, "schön" landete auf Platz sieben: Schönheit rangiert also hinter Infrastruktur und Grün. Schönheit sei stärker in einem hässlicher werdenden Quartier gefragt, werde in einem ansehnlichen Viertel aber, da vorhanden, weniger positiv bewertet.

Der Ansatz, die Stadt nicht nur als Anhäufung von Bauten zu sehen, sondern als umfassendes, von Menschen produziertes Raum-Phänomen entwickelt sich seit den 1980er Jahren unter dem Begriff "spatial turn". Kultur-, Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaftler beschäftigen sich damit, Psychologen, Philosophen, Musiker und Künstler kreisen um dieses Phänomen.

Ob es um die soziale Bedeutung von Shopping-Malls und den Wandel des Flaneurs geht, um die Korrelation von Mode und dem Stadtraum, der zum Laufsteg wird, oder um das Leben in der karbonfreien Stadt, der "Post-Oil City": Es ist faszinierend, wie viele Denker, wie viele Disziplinen um unseren bevorzugten Lebensraum kreisen und bedenklich, wie wenige von diesen Erkenntnissen von Städteplanern und Architekten umgesetzt werden.

Eine Ausstellung in der Gesellschaft für Kunst und Gestaltung stellt unter dem Titel "Stadt der Räume" anhand von Modellen und Texten, die auch in einem Katalog versammelt wurden, interdisziplinäre Überlegungen zum Stadtraum an. Die Schau ist Teil eines Universitätsprojekts an zwei Standorten: Uwe Schröder, Bonner Architekt und Professor an der RWTH in Aachen, und Andreas Denk, Chefredakteur der Zeitschrift "Der Architekt" und Professor an der FH in Köln, haben sich mit ihren Studenten theoretischen Schriften zu Stadt und Raum gewidmet.

In der Ausstellung liest man erläuternde Texte der Studenten. Wo die nicht weiter helfen, bietet sich der Blick auf exzellente Gipsmodelle an, die Theorie in sehr interessante dreidimensionale Objekte umsetzen und zu einer intensiven Weiterbeschäftigung reizen. Das studentische Projekt verdichtete sich bei einem Seminar auf der Raketenstation Hombroich und wurde quasi wissenschaftlich geadelt durch ein Symposium im Architekturmuseum Frankfurt.

"Wäre das menschliche Dasein rein materiell wie das eines Stück Holzes, könnte es durch eine materielle Form, die es umschließt, geschützt werden, so wie ein Edelstein in einer wattierten Dose aufbewahrt wird", sinnierte 1960 der Dominikanerpater und Architekt Hans van der Laan. Das "lebendige Dasein" des Menschen beinhalte aber auch den Hang zur spontanen Bewegung und sinnlichen Erfassung seiner Umwelt, das Bedürfnis nach einem "Erfahrungsraum".

Dort lauern, folgt man einem Beitrag von Markus Schroer und Jessica Wilde, "nichtmenschliche Entitäten", die mit den Bewohnern der Stadt konkurrieren: 770 Litfaßsäulen, 2300 Briefkästen, 10 000 Verkehrsampeln und 9000 Parkautomaten zählte Bruno Latour 2006 in Paris.

Gesellschaft für Kunst und Gestaltung, Hochstadenring 22; bis 22. März. Di, Do, Fr 15-18, Sa 14-17, So 11-14 Uhr. Katalog 12,80 Euro