Dirk Kaftan und das Beethoven Orchester

Wie ein tief empfundenes Gebet

Dirk Kaftan und Solisten mit dem Beethoven Orchester.

Dirk Kaftan und Solisten mit dem Beethoven Orchester.

Bonn. Antonín Dvoráks "Stabat mater" in der ausverkauften Oper.

Eduard Hanslick, einer der einflussreichsten und wohl auch gefürchtetsten Musikkritiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gehörte durchaus zu denen, die die Musik Antonín Dvoráks hoch einschätzten. Mit dem "Stabat mater" des Komponisten freilich konnte er nicht allzu viel anfangen, die vertonte Klage der Gottesmutter unter dem Kreuz erschien ihm denn doch zu sinnlich, zu diesseitig.

Hanslick hatte da schon richtig zugehört, aber vielleicht den falschen Schluss gezogen. Denn das Faszinierende an diesem "Stabat mater" ist, dass Dvorák, der während der Arbeit an der Komposition drei seiner Kinder verlor, sich nicht in den Schmerz verbeißt, sondern immer wieder musikalisch Wege zu Trost, Hoffnung und Lebenszuversicht findet. Für Dvorák-Biograf Josef Zubaty war es "die frömmste Komposition" des katholischen Böhmen.

Generalmusikdirektor Dirk Kaftan und das Beethoven Orchester hatten das hierzulande viel zu selten aufgeführte Werk für das Karfreitagskonzert im ausverkauften Bonner Opernhaus ausgewählt. Es war eine höchst schlüssige, bewegende und berührende Interpretation, zweifellos auch - im Vergleich mit etlichen Einspielungen - eine relativ schnelle.

Das Schöne und Erstaunliche daran blieb freilich, dass Kaftans Entscheidung für ein straffes Tempo keineswegs den Eindruck von Hast, Eile oder Atemlosigkeit vermittelte, sondern eingebettet war in einen klar durchdachten Gesamtzugriff: keine sentimentalen Andachtsbildchen, sondern ein tief empfundenes Gebet.

Ob sanftes Wiegenlied oder dramatisches Solo, ob eindringlicher Trauermarsch oder triumphale Fuge, ob schlichter Wechselgesang oder tänzerisch beschwingte Einwürfe - zu jeder Episode des vielschichtigen, zehnsätzigen "Stabat mater" fanden Kaftan und seine Musiker den richtigen Zugang.

Man hielt die Spannung auch in Piano-Bereichen, ohne sich in Rührseligkeit zu verlieren, man setzte scharfe, schmerzvolle Akzente, ohne zu gewolltem Überdruck zu greifen, kurzum: Man spielte den ganzen Farbenreichtum der Partitur mit souveräner Leidenschaft aus.

Zu diesem instrumentalen Ansatz passte die vokale Seite der Aufführung perfekt. Dvorák bietet den Sängern einen dankbaren, großen Part; Bonns Philharmonischer Chor, von Paul Krämer einstudiert, behielt dabei auch in schwierigeren Lagen seinen einnehmend warmen Klang, ließ in der Ausdrucksintensität nie nach.

Das Solisten-Quartett - Sonja Saric, Dshamilja Kaiser, Christian Georg, Martin-Jan Nijhof - verzichtete ebenfalls auf emotional überzogene Extra-Touren und setzte dafür auf überlegt ausdeutenden Schöngesang ohne jede Manierismen.

Das Publikum blieb nach dem Schlussakkord lange still und jubelte danach ausdauernd.