Villa Ingenohl in Bonn zu neuem Leben erweckt

Mit "Blick zurück nach vorn" - 27 Künstler verwandelten marodes Anwesen am Rhein zum Austellungsstück

Bonn. "Schwill an, mein Fluss, und hebe dich! Mit Grausen übergieße mich!" Diese Worte von Eduard Mörike im Kopf, begibt man sich auf schwankenden Boden: Stefan Korschildgens "Raumlabor Rheinpegel" hebt und senkt sich wie ein Wasserbett - das Ganze mit wunderbarem Rheinblick.

Der Ort, das Dachgeschoss und die gesamte Villa Ingenohl, hat eine bizarre Geschichte und zumindest bis Mitte September eine auf weiten Strecken spannende Zukunft. 27 Künstler (einige Prominente, leider nur zwei unter 40) haben von der ehemals hochherrschaftlichen klassizistischen Villa Besitz genommen.

Die war unter anderem Heimstatt der Studentenverbindung Saxonia, in der Nachkriegszeit dann Dependance des Bundeskanzleramtes und Auswärtigen Amtes, das hier etwa seine Kindertagesstätte unterbrachte. Seit dem Regierungsumzug herrscht in der Villa gespenstische Ruhe, das Juwel verfällt nach und nach.

Etliche Künstler, die von der Bonner "Montag Stiftung Bildende Kunst" - sie residiert in der benachbarten Villa Prieger - eingeladen wurden, spielen auf die Geschichte des Ortes an. Sie nutzen für die Ausstellung "Blick zurück nach vorn" die vorgegebene Bausituation, haben Nischen gefunden und besetzt.

Die Kölnerin Saskia Niehaus etwa ließ kaum eine Ecke der ehemaligen Kita aus, bevölkerte sie mit allerlei Fabelwesen, ließ sich sogar für die "Zwergen"-Toiletten etwas einfallen. Kleinskulpturen, Skizzenbücher, Zeichnungen machen Niehaus' Mini-Museum mit dem Titel "Sehn Sucht Sein" zum Erlebnis.

Der leicht modrige Keller der Villa war eine besondere Herausforderung, die mit sehr guten Beiträgen gemeistert wurde. Der Berliner Markus Draper etwa rekonstruierte in einer Videoarbeit das Haus des Massenmörderpaares Fred und Rosemary West in Gloucester: Ein Farb-Gemetzel mit dem Titel "Skulpturenkino: House of Darkness". Nicht weit davon entfernt kreisen ein Knabe und ein Wolf auf dem schaurigen Karussell von Thea Richter.

Im Heizungskeller wartet eine der besten Arbeiten von "Blick zurück nach vorn" auf die Besucher: Das Leipziger Kollektiv solitaire Factory glänzt mit dem brillanten Ossi-Western "Wiedergutmachung durch Arbeit".

Die Ausstellung lebt vom Kontrast zwischen solchen "Geschichtsräumen" und sehr freien Akzenten wie Horst Gläskers "Kabinett der Farbe", gewissermaßen ein mit Filzpuschen begehbarer Regenbogen. Monotones Sirenengeheul, abgespielt von 24 Kassettenrekordern, empfängt den Besucher von Ottmar Hörls Raum.

Mit den "Loreley"-Noten an der Wand hat der Dauerton natürlich im übertragenen Sinn zu tun. Ebenso das geschredderte Notenmaterial in der Vitrine oder "das Haar der gealterten Loreley" (Hörl) im gläsernen Schneewittchensarg passen in den Kontext. Doch blitzschnell wird so eine feine Idee überfrachtet - bei Hörl, der schon mal den Nürnberger Hauptmarkt mit 7000 Plastikhasen füllte, hat das Methode.

Auch der Geruchssinn wird in der Villa stimuliert: Kirsten Kaisers Berg von gelben, weißen und orangen Gummibärchen auf rotem Teppich, "Goldener Überfluss" genannt, duftet verführerisch. Im Garten der Villa Prieger hat sie außerdem vergoldete Maulwurfshügel neben putzigen Betonhäuschen aufgehäuft. Es fehlt nur noch der Gartenzwerg.

Mit "Blick zurück nach vorn" präsentiert sich die "Montag Stiftung Bildende Kunst" auch in eigener Sache, schließlich organisiert sie seit zehn Jahren Kunstprojekte zumeist im öffentlichen Raum. So erinnert der Beitrag von Beate Passow an eine Montag-Ausstellung in den Brückenköpfen Erpel-Remagen.

In der Villa zeigt Passow jetzt auf rosa Wildseide gestickte Börsenkurse vom 12. September 2001 aus der "Financial Times" und zwei Gefrierschränke voller vereister Bücher. Auch Heide Pawelzik war 1999 in Erpel dabei. Daran erinnert ein graues Großfoto in der Villa, dem sie das Bild einer blühenden Magnolie gegenüberstellt.

"Blick zurück nach vorn" kann man wörtlich nehmen: Der Betrachter sollte sich von Raum zu Raum treiben lassen, vom Dachgeschoss bis in den Keller; er sollte den Garten mit Rolf Wickers Riesengerüsten und Babak Saeds erlegten Löwen nicht übersehen, der kopfunter über der Adenauer-Allee baumelt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient der schmucklose Gebäuderiegel neben der Villa: Dort gibt es Kritisches von Felix Droese zu sehen und - als Höhepunkt der Schau - Raffael Rheinsbergs 173-teilige Installation "Adagio a Piedi", eine mit kriminalistischen Methoden gewonnene Spurensammlung aus den Straßen von Bonn auf 173 Blättern. Man könne die Stadt wie eine Partitur lesen, meint der Berliner: "Farben sammeln, das Gesicht der Stadt fixieren. Beethoven überall."

Villa Ingenohl/Villa Prieger, Raiffeisenstraße 5 und 2; bis 14. September. Do-Sa 15-20, So 11-20 Uhr. Eröffnung: 2. August, 16 Uhr