Kammerspiele Bad Godesberg

So war die Premiere von Elfriede Jelineks "Wut"

Bis zur physischen und psychischen Erschöpfung: Das „Wut“-Ensemble ist fabelhaft.

Bis zur physischen und psychischen Erschöpfung: Das „Wut“-Ensemble ist fabelhaft.

Bad Godesberg. Bildstark und gefeiert: Sascha Hawemann inszeniert „Wut“ von Elfriede Jelinek in den Kammerspielen Bad Godesberg mit bespielbaren Buchstaben-Räumen.

Vor dem Vorhang erscheint die Szene mit dem zusammenbrechenden Paddelboot aus Jacques Tatis „Die Ferien des Monsieur Hulot“. Dazu erklingt Charles Trenets Chanson „La mer“. Ein herrlich böser Witz, mit dem der Regisseur Sascha Hawemann seine Version von Elfriede Jelineks „Wut“ einleitet. Und gleich den Ausgangspunkt ihrer sprachgewaltigen Empörung klarmacht: Die tödlichen Pariser Anschläge auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015.

„FUREUR“ steht in riesigen Lettern auf der Bühne von Wolf Gutjahr. Es sind bespielbare Buchstaben-Räume, und das abgetrennte EUR rollt ab und zu monumental in den Vordergrund. Obwohl das Geld als Motor allen Unheils diesmal nicht die Hauptrolle spielt in Jelineks rasendem Sturmlauf gegen die weltweite Gewalt und ihre historischen Keimzellen.

„Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus“, heißt es am Anfang der „Ilias“. Die großartige Laura Sundermann zelebriert schon vor dem roten Samtvorhang mit Jelinek-Frisur und grauem Pelzmantel (Kostüme: Ines Burisch) eine virtuose sprachliche Zorn-Arie. Die mythologische Drachensaat des Kadmos kommt später auch vor. Aber die Stärke von Hawemanns bildstarker Inszenierung (Dramaturgie: Jens Groß, der ab der nächsten Spielzeit die Schauspieldirektion übernimmt) liegt darin, dass er die wahnsinnige assoziative Textflut der Autorin kanalisiert hat. Also aus dem derzeit an diversen Bühnen gespielten Werk, das 2016 an den Münchner Kammerspielen seine Uraufführung erlebte, wirkliche Szenen baut und mit seinem exzellenten fünfköpfigen Ensemble echte Theaterfiguren entwickelt.

Philipp Basener, Christoph Gummert (demnächst fest in Bonn engagiert) und Holger Kraft spielen ebenso energisch wütende Terroristen wie radikale Wutbürger, die ihren Frust an einem Schrottauto auslassen. Als Hooligans hocken sie in dem kaputten Fahrzeug und geben per Video Machosprüche von sich, inklusive nacktem Arsch am Fenster. Derweil hängt Johanna Falckner kopfüber bei ihnen im Wagen. Gekränkte persönliche Eitelkeiten treffen auf blinde Gewalträusche, die Lust der Täter vermischt sich mit dem Leiden der Opfer. Die Funktions-Beschreibung einer Maschinenpistole wird zum zynischen Kabinettstück, Theaterblut spritzt reichlich.

„Wir sehen recht gern den Todeskampf anderer Völker, die nicht mehr benötigt werden“ – nur einer der fast beiläufig fallenden brutalen Sätze mit Verstörungspotenzial. „Körper, Sport, Krieg, Medien“, skandiert die Truppe fröhlich, Denken muss das geneigte Publikum schon selbst.

Eine Szene führt in die Zeit des Algerienkriegs, dessen Folgen nun junge, in Frankreich aufgewachsene Nordafrikaner aufstacheln. Eine im Grunde harmlose Karikatur ihres historischen Religionsstifters erleben sie als Attacke auf ihre Identität. Die aufgeklärte säkulare Gesellschaft hat versagt. In einer plakativen Satire erscheint Jesus mit Kreuz, die Juden vertritt Woody Allen, Herr Mo ist anderweitig beschäftigt. Der friedlich fette Buddha, hierzulande beliebt als bequemer Ausweg aus dem monotheistischen Denken – nein, danke. Klappt trotz Nuckeln an seiner Brust und weiter unten auch nicht.

Die wütende Elfriede darf jeder mal spielen. Im niederösterreichischen Mürzzuschlag, wo sie zur Welt kam, bettelt die kleine Elfie auf Knien um die Zuwendung ihrer strengen Mama, die sich im braven Bikini auf Autohauben räkelt. Papa ist abgehauen. Das Speiseeis, nach dem das Kind verzweifelt lechzt, ist eine klebrige Falle.

So fängt’s im kleinen Familienkreis an und wächst weiter bis zum Amoklauf gegen alles, was ins eigene Weltbild nicht passt. Holger Kraft zitiert auf Schwedisch den Text von Jelineks Literatur-Nobelpreisurkunde und verfällt dann in eine skurrile Fantasiesprache. Trotz der famosen Sprechkultur der Darsteller muss man nicht jedes Wort verstehen und allen intellektuellen Seitensprüngen folgen. Man darf freilich mitunter lachen angesichts der grotesken Widersprüche, die uns dauernd heimsuchen. Nach zwei pausenlosen Stunden furioser Premierenbeifall für das ganze Inszenierungsteam.

Die nächsten Vorstellungen: 24. Mai., 2., 9. und 13. Juni. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.