"Psycho" in Bonn

So war der Auftritt von Matthias Brandt in der Oper

Akzentuiert: Der Schauspieler Matthias Brandt.

Akzentuiert: Der Schauspieler Matthias Brandt.

Matthias Brandt und Jens Thomas bringen den Schocker „Psycho“ auf die Bühne des Bonner Opernhauses - zum Fürchten grandios.

In der Seele von Norman Bates herrscht finstere Nacht. So tief reicht der Riss mitten hindurch, dass die Reste seiner Persönlichkeit – sollte sie jemals wirklich existiert haben – nur noch an einem letzten dünnen Faden hängen. Ein Fest für jeden forensischen Psychiater und in der Verfilmung von Alfred Hitchcock auch eines für die Kino- und Fernsehzuschauer, die seinen Schwarz-Weiß-Klassiker aus dem Jahr 1960 gesehen haben.

Die literarische Vorlage von Robert Bloch – vom Master of Suspense seinerzeit wohlweislich unter Verschluss gehalten – kennen bis heute die wenigsten. Seit Sonntagabend in Bonn aber immerhin 1000 mehr. Denn was der Schauspieler Matthias Brandt und der Pianist und Sänger Jens Thomas daraus gemacht haben, ist unvergesslich und tatsächlich zum Fürchten grandios.

Dieser Abend, der im September 2014 in der Reihe „Quatsch keine Oper“ dort schon einmal über die Bühne ging und nun auf vielfachen Zuschauerwunsch wiederholt wurde, feiert auch die Bandbreite der menschlichen Stimme an sich. Thomas' Piano- und Vokalversion von AC/DCs „Hells Bells“ lüftet den Schleier über dem, was noch kommen wird; was einem außergewöhnlichen Organ in 110 Minuten möglich ist; von menschlicher Larmoyanz bis zur animalische Wut, vom Wimmern und Jaulen bis zum entfesselten Schrei.

Dem gegenüber steht Brandts akzentuierte, manchmal schon geradezu aufreizend ruhige Lesart. Natürlich, er kann auch ganz anders: Mutter und Sohn im vermeintlichen Wechselspiel, so exakt, dass es Bilder im Kopf befeuert. Aber die Kunst liegt vor allem darin, zu wissen, wann er den sicheren Grund seines sonoren Organs zu verlassen hat – anstatt der in diesem Fall nahen Versuchung des Effekts zu erliegen.

Brandt lässt den Zuhörern in der restlos ausverkauften Oper genug Raum für eigene Gedanken: zum Beispiel, dass Jens Thomas' „Soundtrack“ ohne Weiteres auch in die Bilderwelt eines David Lynch passen würde. Oder dass Bloch sein Psychogramm zum Teil schon recht blutig überzeichnet hat – und welche Leistung Hitchcocks darin lag, diese Vorlage, so „dezent“ zu verfilmen, dass er den wahren Schrecken dadurch direkt in den Kopf der Zuschauer verlagerte.

Brandts und Thomas' Respekt gilt aber auch der Umsicht des Autors, der aus dem realem Horror des Ed Gein die Erkenntnis gewann, dass die Schilderung menschlicher Abgründe jedem Monster überlegen ist. In keiner Drachenhöhle und in keinem von Aliens infizierten Raumschiff könnte es so finster sein wie in einer einzigen verlorenen Seele. Die stehenden Ovationen und Bravorufe für Brandt und Thomas führen zurück ans Tageslicht. Endlich. Es ist Zeit, frei und tief durchzuatmen und das Haus zu verlassen. Norma(n) Bates bleibt dort zurück. Allein?