Das Leben der Hannelore Kohl

Schicksalsblitze am Rhein

Julia Keiling am Rhein.

Bonn. Eine solche Produktion hat es am Bonner Schauspiel noch nicht gegeben: ein Stück "für je einen Zuschauer". Das Theaterprojekt "Schatten::Frau" von Bernhard Mikeska (Regie) und Lothar Kittstein (Text) erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte einer Politikerfrau zu Zeiten der Bonner Republik.

Ähnlichkeiten mit Hannelore Kohl (1933-2001) sind ausdrücklich beabsichtigt. Die Schauspielerinnen Julia Keiling, Mareike Hein und Birte Schrein verkörpern Hannelore Kohl in unterschiedlichen Lebensabschnitten.

Die Individual-Theaterreise beginnt in einem Container vor den Kammerspielen Bad Godesberg und führt dann (mit Limousine und Chauffeur) zu zwei Stationen am Rhein. Endstation ist wieder im Container. Das ist hochgradig intensiv, hypnotisierend und erhellend. Grund genug, um mit den drei Darstellerinnen über ihre Erfahrungen mit Stück, Inszenierung und Publikum zu reden. Die Resonanz beim Publikum war gewaltig nach der Premiere im Mai, berichten sie. Zweimal ist das Stück in dieser Spielzeit noch zu sehen. Im September wird "Schatten::Frau" wiederaufgenommen. "Danach spielen wir das, bis die Blätter runterkommen und wir frieren", sagt Mareike Hein.

Julia Keiling hat das Publikumsbuch zur Aufführung mitgebracht. Dort haben Besucher hinterlassen, was ihnen die "Schatten::Frau" bedeutet. "Was für ein unglaubliches Erlebnis", liest man. Oder: "Erdrückend, entrückend, ergreifend." Oder: "Verstörend, intensiv, bedrückend." Ein Stück mit Nachwirkungen.

Auch die Schauspielerinnen haben viel aus ihrer Auseinandersetzung mit dem Stoff und dem Publikum mitgenommen. "Schatten::Frau" bedeutet für beide Seiten so etwas wie Existenzerweiterung. Die Kunst kommt hier von Können und Konzentration - und von Einsatz. Immer wieder fallen im Gespräch Vokabeln wie "herausfordernd" und "anstrengend". Das Projekt, bringt es Mareike Hein auf den Punkt, "verlangt viel ab".

Die Vorbereitungen mit Regisseur Bernhard Mikeska lebten von einer genauen Untersuchung des Textes und dem Studium biografischen Materials zu Hannelore Kohl. Die Proben verliefen in trauter Zweisamkeit (Schauspielerin plus Regisseur), danach versuchten sich Mitarbeiter des Theaters als Testzuschauer. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde für die Darstellerinnen ein Muster deutlich. Die "ganz besondere Begegnung mit einer Person" (Keiling) führte zu ganz speziellen Erfahrungen. Birte Schrein hat ihr bekannte Menschen "neu kennengelernt", wurde von deren Reaktionen überrascht: Theater, sagt sie, war hier "fast wie bei einer Therapie".

Der Zuschauer wird in dem intimen Kammerspiel namens "Schatten::Frau" ja auch zum Mitspieler befördert und intensiviert durch seine Anwesenheit das Spiel. Das Persönliche, betont Birte Schrein, verschmilzt für sie häufig auf magische Weise mit dem Künstlerischen, die Distanz zwischen Schauspielerin und Figur löst sich auf. Manchmal liest Mareike Hein in den Gesichtern ihrer Publikumspartner wie in einem Buch, entdeckt in Blicken Gefühle wie Schmerz, die biografische Erfahrungen spiegeln mögen; sie nennt es "Schicksalsblitze".

Als Zuschauer kann man aus Sicht der Darstellerinnen nur alles richtig machen. Aber alle machen nicht dasselbe. Es gibt jene - die Mehrheit -, die mit einer stummen Rolle zufrieden sind; jene, "die das Bedürfnis haben zu sprechen" (Keiling); jene, die die Kontrolle behalten wollen; jene, denen intuitiv schon einmal ein Satz herausrutscht. Schließlich existiert die kleine Minderheit, die sich nur unwillig auf das Experiment einlässt. "Es gibt Zuschauer, um die ringt man", stellt Mareike Hein trocken fest. Hein traf, als Hannelore Kohl maskiert und kostümiert, am Rhein auf Menschen, "die mich für verrückt halten". Kein Wunder, musste sie doch ein ums andere Mal im Laufschritt an den Ausgangspunkt ihres Auftritts zurückkehren, um den Zeitplan einzuhalten.Auch Julia Keiling hat Einflüsse der Außenwelt wahrgenommen: Sie hat ihre Erfahrungen mit Hunden und Ruderern gemacht.

Anekdotenreich, häufig wie elektrisiert erinnern sich die drei Schattenfrauen an die bisherigen Aufführungen. Die Natur spielte gelegentlich mehr als eine Nebenrolle, mancher Termin fiel wegen schlechten Wetters aus. Die Kälte war mitunter ein Problem: "Da muss man durch", heißt es dazu kurz und knapp von Julia Keiling. Doch aus dem Nieselregen seien auch romantische Momente entstanden. Gewitter, Wetterleuchten, die Abendstimmung am Rhein - all das trage zum Erlebnis "Schatten::Frau" bei.

 

Die letzten - bereits ausverkauften - Vorstellungen: 30. Juni und 1. Juli. "Schatten::Frau" wird ab September wiederaufgenommen. Karten für die Aufführungen von Theater Bonn gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.