Kunstmuseum

Mathematik, Kunst und ein Fernsehpreis

Andrew Ranicki und das Bild "Primrose Hill: Spring Sunshine" seines Cousins Frank Auerbach aus den 1960er Jahren.

Andrew Ranicki und das Bild "Primrose Hill: Spring Sunshine" seines Cousins Frank Auerbach aus den 1960er Jahren.

Die Ausstellung mit den Arbeiten von Frank Auerbach habe er sich bereits angeschaut, sagt Andrew Ranicki, als wir uns im Foyer des Kunstmuseums treffen. Den größten Teil der Bilder kenne er bereits, und es würde ihn freuen, wenn das Werk des 17 Jahre älteren Cousins jetzt auch in dessen Geburtsland besser bekannt werden könnte.

1931 wurde Frank Auerbach in Berlin in der Güntzelstraße geboren, nur wenige Meter entfernt von dem Haus, in dem Andrew Ranickis Großeltern David und Helene Reich, sie eine geborene Auerbach, wohnten. Deren Sohn Marcel wiederum wurde ein paar Jahre später als Sechzehnjähriger mehrfach zum Babysitter für den fünf Jahre alten Frank engagiert.

Dass aus Marcel Reich einmal Deutschlands bekanntester und vermutlich zu Lebzeiten gefürchtetster Literaturkritiker werden würde, ahnte damals vermutlich noch niemand. Aber die eine Mark pro Abend waren offenbar leicht verdientes Geld, wie Reich-Ranicki später in seiner Autobiografie schrieb, denn während Frank Auerbach friedlich schlief, konnte er selbst sich mit den "zahllosen Büchern vergnügen".

Für den kleinen Frank ging das Leben allerdings nicht friedlich weiter. 1939, als die Situation für deutsche Juden immer aussichtsloser wurde, schickten ihn seine Eltern mit einem Kindertransport nach Großbritannien in Sicherheit. Inzwischen liegen zwei Stolpersteine für Max und Charlotte Auerbach, die 1943 in Auschwitz ermordet wurden, vor ihrer ehemaligen Berliner Wohnung und auch Andrew Ranicki hat für seine Großeltern unweit davon zwei Stolpersteine ins Pflaster legen lassen. "Letzten September wurde eine Gedenktafel am Haus, in dem mein Vater gewohnt hat, angebracht. Da habe ich die Gelegenheit genutzt, um dort auch meinen Großeltern David und Helene mit Stolpersteinen zu gedenken", erzählt Ranicki.

Er habe das für sich und seine Familie getan, nicht für seinen Vater. Der habe weder zu den Stolpersteinen noch zum Holocaust-Memorial in Berlin eine öffentliche Meinung gehabt. "Er war weder dafür noch dagegen." Andrew Ranicki, so scheint es, spricht gerne über seinen Vater und das hat vielleicht damit zu tun, dass er einen eigenständigen Weg gewählt und nie im Schatten des berühmten Marcel Reich-Ranicki gestanden hat. 1948 in London geboren, in der Zeit, als sein Vater nach Kriegsende für den polnischen Geheimdienst arbeitete und damals den Namen Ranicki annahm, wuchs Andrew mit Literatur auf, sprach polnisch mit seinen Eltern und kam schließlich als kleiner Junge über Hamburg nach Frankfurt am Main.

Die Mathematik wurde seine Leidenschaft und - eine Art willkommener Nebeneffekt - sie war eine Disziplin, von der der literaturbesessene Vater nichts verstand. "Ich habe manchmal versucht, ihm zu erklären, was ich mache, aber das war schwierig." Seit 20 Jahren hat Andrew Ranicki einen Lehrstuhl für Mathematik an der Universität Edinburgh inne und ist als Wissenschaftler auch ab und zu in Bonn unterwegs, speziell am Max-Planck-Institut oder im Hausdorff-Zentrum für Mathematik, dem einzigen Exzellenzcluster in Deutschland für Mathematik.

Mit dem Bonner Haus der Geschichte verbinden ihn darüber hinaus persönliche Erinnerungen. "Die haben zwei Dinge von meinem Vater. Das eine ist das Manuskript der Rede zum Holocaust-Gedenktag, die er 2012 im deutschen Bundestag gehalten hat. Das andere ist der deutsche Fernsehpreis, den er 2008 bekommen und nicht angenommen hat. Ich saß damals im Publikum und wusste zwar nicht genau, was passieren würde, aber dass mein Vater sich entsetzlich langweilen würde, habe ich geahnt und befürchtet. Jedenfalls hat er den Preis nie angerührt und das Ding stand jahrelang bei mir zu Hause in Edinburgh. Dann habe ich es mal ausgeliehen für eine Ausstellung im Haus der Geschichte und denen gegeben. Dort ist es besser aufgehoben."