Manfred Harnischfeger: "Wir haben Blockaden lösen können"

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete vor einigen Tagen über das Bonner Beethoven-Haus. Schlagzeile: "Wie ein Reformer gestürzt wurde". Die Rede war vom ehemaligen Direktor des Beethoven-Hauses Philipp Adlung, von dem der Vorstand des Hauses sich im Dezember 2010 im Einvernehmen getrennt hatte.

Bonn. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete vor einigen Tagen über das Bonner Beethoven-Haus. Schlagzeile: "Wie ein Reformer gestürzt wurde". Die Rede war vom ehemaligen Direktor des Beethoven-Hauses Philipp Adlung, von dem der Vorstand des Hauses sich im Dezember 2010 im Einvernehmen getrennt hatte. Als kommissarischer Leiter wurde Manfred Harnischfeger eingesetzt. Mit Harnischfeger sprachen Bernhard Hartmann und Dietmar Kanthak.

General-Anzeiger: Ist mit Philipp Adlung, der sein Amt am 1. Juli 2009 angetreten hatte, innerhalb von rund anderthalb Jahren ein Reformer gestürzt worden? Hat der Vorstand ihn vor die Wand laufen lassen?

Manfred Harnischfeger: Ich betrachte es als meine Pflicht, einer um sich greifenden Legende entgegenzuwirken. Die Mär, wonach ein couragierter Erneuerer auf eine veränderungsunwillige, gar schnarchende Mitarbeiterschaft getroffen ist, entspricht nicht der Realität. Die Gründe für eine angestrebte Trennung sind völlig andere als die in der Öffentlichkeit diskutierten. Anstand Stil und nicht zuletzt arbeitsrechtliche Gründe verbieten es, die unterschiedlichen Positionen offenzulegen.

GA: Worin bestehen die Gründe? Vorgeworfen wurde Adlung ja Führungsschwäche.

Harnischfeger: Im Laufe der letzten Monate hat sich gezeigt, dass es dem neuen Direktor nicht gelungen ist, die Mitarbeiter auf den Pfad der Erneuerung mitzunehmen, sondern dass er eher in einem hierarchischen, überkommenen Führungsstil seine Vorstellungen von oben nach unten zu dekretieren versuchte. Im Kern sind es also in der Tat Defizite in der Führung, die ein eingeschalteter, erfahrener Mediator auch gesehen und bestätigt hat.

GA: Sie sprachen von Erneuerung. Gibt es einen Reformstau?

Harnischfeger: Innovationen gab es in diesem Hause immer wieder. Ich nenne einige Stichworte: Digitales Beethoven-Haus, Digitale Bühne, Studio, Meisterkurse, Kammermusikkonzerte, Musikpädagogik, Studienkolleg. Man kann nicht davon sprechen, dass es hier keine Erneuerung gegeben habe. In den vergangenen zehn Jahren hat es vielleicht eine sehr starke Konzentration auf die wissenschaftliche Arbeit und auf die Substanzerhaltung gegeben. Von dieser teilweisen Innenorientierung müssen wir zu einer stärkeren Sichtbarmachung dessen kommen, was hier geschieht. Nicht nur im Bereich der Forschung, sondern auch im Bereich der Sammlung, des Museums, der Konzerte und der Arbeit mit und in den Schulen müssen wir zeitgemäße Anforderungen erfüllen.

GA: Wie beurteilen Sie den Stand der wissenschaftlichen Arbeit?

Harnischfeger: Es gab sicher Probleme in der Realisierung der Gesamtausgabe. Es hat sich mittlerweile neben der deutschen und europäischen eine angesehene amerikanische Beethovenforschung positioniert. Hier sind wir dabei aufzuholen.

GA: Im Konzertleben hat sich längst die wissenschaftliche Gesamtausgabe von Jonathan del Mar etabliert. Ist das Beethoven-Haus da nicht ein bisschen spät dran?

Harnischfeger: Auch da gab es schon vor geraumer Zeit einen personellen Wechsel bei uns. Und ich denke, mit dem Kollegen Professor Appel sind wir nun auf einem sehr guten Weg.

GA: Wie sehen die Mitarbeiter die aktuelle Entwicklung?

Harnischfeger: Das Haus hat einen qualvollen Prozess hinter sich, in dem es um die Frage ging, ob der neue Direktor imstande ist, zeitgemäß zu führen und seine Ideen gemeinsam mit den hochkompetenten Mitarbeitern des Hauses weiterzuentwickeln. Es hat sich in dieser Zeit auch ein Betriebsrat gebildet, was ja ganz ungewöhnlich ist für so eine kleine Kulturinstitution. Und ich denke, wir haben jetzt gemeinsam mit allen Mitarbeitern bestehende Blockaden lösen und positive Energien freisetzen können. Im Beethoven-Haus herrscht Fröhlichkeit. Und wir haben mit Blick auf 2020 eine große Perspektive. Mittlerweile hat eine Arbeitsgruppe ein Leitbild erarbeitet, das uns den roten Faden vorgibt für unsere - nennen wir es mal - Unternehmenskultur.

GA: Können Sie die Rolle von Michael Ladenburger, dem Leiter des Museums und Kustos der Sammlung, beschreiben? Hat er sich den Reformbemühungen widersetzt?

Harnischfeger: Ich erlebe den Kollegen Ladenburger nicht nur als erfahren und hochkompetent, sondern für die Leitung des Hauses auch als einen sehr klugen Ratgeber.

GA: War Adlungs "Entwicklungsplan 2020" vom Juni 2010 im Vorstand umstritten?

Harnischfeger: Das war ein Papier mit allgemeinen Grundsätzen, das zu einem Konzept hätte führen müssen. Man konnte nicht von einem Papier sprechen, das die gemeinsame Auffassung aller im Hause wiedergab und vor der Präsentation im Vorstand ordentlich mit den Führungskräften besprochen und diskutiert worden ist. Dieser eigentlich normale Vorgang hat völlig gefehlt.

GA: Werden denn gleichwohl Impulse daraus weiterverfolgt?

Harnischfeger: Wir haben in den vergangenen zwei Monaten eine ganze Reihe neuer Ansätze erarbeitet und bestehende Ideen fortentwickelt. Wir haben zum Beispiel in einem großen Brainstorming eine Ideensammlung organisiert für die kurz-, mittel- und langfristigen Projekte und Vorstellungen.

GA: Müsste aus Ihrer Sicht das Museum eine zeitgemäße Anmutung und Struktur erhalten?

Harnischfeger: Die jetzt vorliegende gegebene Struktur ist ja nicht so alt. Es kann nicht darum gehen, innerhalb von kurzen Zeiträumen immer wieder um des Modernisierens Willen zu modernisieren. Ich denke gleichwohl, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten die Rezeptionsgewohnheiten der Bevölkerung sehr stark verändert haben, auch unter dem Ansturm und Einfluss der sogenannten neuen Medien, und dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, das Museum weiterzuentwickeln. Das haben wir ganz fest vor. Wir wollen auch die sogenannten bildungsfernen Schichten und nicht kulturaffinen Mitbürger erreichen.

GA: Wie weit sind die Bemühungen gediehen, einen neuen Direktor zu finden? Oder habe Sie selber so viel Spaß an der Arbeit, dass sich die Frage erübrigt?

Harnischfeger: Ich bin in den letzten Wochen mehrfach gefragt worden, ob ich es längere Zeit machen möchte oder kann. Es gibt wohlüberlegte Gründe, die ich zu akzeptieren bitte, dass ich das nicht tue. Insofern nehme ich also wirklich nur eine Interimsaufgabe wahr. Durchaus aber mit dem Ziel, den Humus zu bereiten für alles Neue, was da kommt. Die Suche hat begonnen. Ich stehe zur Verfügung, bis jemand Neues kommt.

GA: Wenn Sie eine Vision für 2020, Beethovens 250. Geburtstag, formulieren würden: Wo steht Bonn? Wo steht das Beethoven-Haus?

Harnischfeger: Das ist ganz unstrittig für uns. Das Beethoven-Haus muss als Wiege im Zentrum vieler Aktivitäten vieler Organisationen und Gruppen stehen. Denn: Kulturpolitik kann hin und hergehen, ein Festspielhaus kann realisiert werden oder nicht, das Beethoven Orchester kann gut spielen oder nicht. Aber das Geburtshaus gibt es. Bonn muss dieses Jahr nutzen. Ganz sicher ist es auch eine nationale Angelegenheit mit internationaler Ausstrahlung. Wenn das 21. Jahrhundert das asiatische Jahrhundert ist, dann gilt für den in aller Welt hoch geachteten Beethoven, dass er auch in aller Welt gefeiert wird. Insofern feiern wir ein Bonner Fest als Weltereignis. Für uns im Beethoven-Haus sage ich: Wenn es das Jahr 2020 nicht gäbe, müsste man es erfinden. Denn es ist eine wunderbare Zielprojektion. Sonst ist man ja immer in der Verlegenheit, Kunstdaten und Etiketten zu erfinden wie die Agenda 2010. So aber haben wir ein inhaltlich klares Ziel.

Zur Person

Manfred Harnischfeger, Jahrgang 1944, ist seit Dezember 2010 kommissarischer Direktor des Beethoven-Hauses Bonn. Er ist zudem Professor am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und als freier Publizist und Kommunikationsberater tätig. Nach einer Station bei Bertelsmann war Harnischfeger von 2003 bis 2009 für die globale Kommunikation des Konzerns Deutsche Post World Net verantwortlich.