Die perfekte Schönheit

Kunstverein präsentiert Timur Si-Qin und die Mertes-Stipendiaten 2012

Frische und Anmut: Timur Si-Qin beherrscht in seinen Installationen die Sprache der Werbe-Ästheten.

Bonn. Der Jubiläums-Rausch ist ausgeschlafen, die Feier vorbei: Beim Bonner Kunstverein geht's jetzt wieder ums Alltagsgeschäft der Vermittlung aktueller Kunst. Doch der Besucher reibt sich die Augen, meint er doch, sich in eine Boutique verirrt zu haben, ein teures Schmuckgeschäft.

So perfekt beherrscht der in Berlin lebende Timur Si-Qin die Sprache einer hoch effektiven, Schlüsselreize bedienenden, bei aller professionellen Glätte einschmeichelnden Werbe-Ästhetik.

Eine wunderschöne Frau, in deren Augen sich der Kunde im Parfüm- oder Schmuckgeschäft sofort und willig verlieren möchte; die rissigen Bauernhände, die mit einer archaischen Geste glänzende Kaffeebohnen offerieren; Tomaten mit absolute Frische suggerierenden Tautropfen.

Diese drei Visionen präsentiert Timur Si-Qin auf Podesten und in einer Messearchitektur. Die offenbar global funktionierende und wirkende, von Werbepsychologen tausendfach erprobte Verheißung von Schönheit, erdiger Authentizität und Frische setzt der Künstler mit Vitrinen in eine Beziehung, in denen man Knochen, Schädelfragmente und Zähne erkennt. Es sind die Überreste eines Urmenschen aus Südafrika, beziehungsweise individuell eingefärbte 3D-Drucke nach Dateien, die sich Timur Si-Qin schicken ließ.

Hier wird die Arbeit spannend: Denn die archaischen Relikte geben einen Hinweis darauf, dass die Werbebotschaften von heute deshalb funktionieren, weil sie Bedürfnisse wecken und vermeintlich Wünsche bedienen, die in einer langen, langen Evolutionsgeschichte in uns herangereift sind.

Der Millionen Jahre alte sogenannte Darwin Code bestimmt unser Leben viel mehr, als wir es uns vorstellen können. Individualität ist evolutionstechnisch beleuchtet ein Irrglaube. "Basin of Attraction", so der Titel von Timur Si-Qins Bonner Beitrag, kulminiert in einem Videofilm, in dem tote Insekten in einem Wasserstrudel treiben - ein Schelm, der da nicht an uns willenlose Konsumenten denkt.

Der Künstler als Forscher: Dieser Gedanke treibt Timur Si-Qin genauso um wie die beiden Peter-Mertes-Stipendiaten Evamaria Schaller und Timo Seber, beide Absolventen der Kunsthochschule für Medien in Köln. Schaller kam auf die Idee, die Dimensionen, Pfeiler und Wände der ehemaligen Blumenhalle, Domizil des Kunstvereins, mit dem eigenen Körper zu vermessen: Schaukelnd oder auf einem Gerüst turnend eroberte sie sich den Raum - ein Video dokumentiert die Aktion. Woanders drehen sich extrahierte Puppen-augen aus den 50er Jahren mithilfe von kleinen Motoren. Was einst Kinderherzen erfreute, wirkt jetzt roboterhaft und fremd.

Schallers Mitstipendiat Seber rollt gekonnt den haarsträubenden Fall des 1980 in Australien verschwundenen Babys Azaria Chamberlain auf, von dem nur ein blutiger Strampler übrig blieb. Die Mutter sagte damals aus, das Baby sei von Dingos geraubt und gefressen worden. Gesellschaft, Medien und die Justiz glaubten ihr nicht, Lyndy Chamberlain kam in Haft, wurde erst im vergangenen Jahr rehabilitiert. Seber thematisiert mit großen Folien Mythenbildung und Sensationsgier, versuchte Rechtfertigung und die Mechanismen einer unerbittlichen öffentlichen Meinung, die keine Gelegenheit ausließ, Lyndy Chamberlains These sarkastisch und satirisch infrage zu stellen. Sebers künstlerisch aufregende, exzellent recherchierte Arbeit geht unter die Haut.

Bonner Kunstverein, Hochstadenring 22; bis 10. November. Eröffnung Sonntag, 12 Uhr. Im Anschluss gibt es eine Performance von Evamaria Schaller. Di-So 11-17, Do bis 19 Uhr