Ausstellung in der Bundeskunsthalle

Im Galopp durch die Historie

Zukunftsmusik: Yinka Shonibare lässt seine Astronautenfamilie in wilden Mustern herumtollen.

Zukunftsmusik: Yinka Shonibare lässt seine Astronautenfamilie in wilden Mustern herumtollen.

Bonn. Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt die Ausstellung „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Yuval Noah Harari. Ein Parcours von der Urzeit bis heute.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der Vater von Microsoft Bill Gates und der scheidende US-Präsident Barack Obama haben etwas gemeinsam: Sie haben das Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ des 1976 in Israel geborenen Historikers Yuval Noah Harari empfohlen. Einen in 40 Sprachen übersetzten Bestseller, der geistreich und provokativ, faktenreich und unterhaltsam die durchaus fragwürdige Erfolgsgeschichte der Menschheit ausbreitet. Das Israel Museum in Jerusalem schenkte sich und seinen Besuchern im vergangenen Jahr eine Ausstellung zu Hararis „kurzer Geschichte“ zum 50., vermied dabei aber, den 528-Seiten-Schmöker zu illustrieren.

Klugerweise entschied man sich für einen Dialog zwischen 14 historischen Exponaten, die Hararis Kernthesen symbolhaft vertreten, und Werken zeitgenössischer Kunst, die als Ergänzung, Kommentar, mitunter als Gegenthese fungieren, in jedem Fall interessante Perspektivwechsel ermöglichen. Die Bundeskunsthalle zeigt nun exklusiv diesen mitunter reichlich holzschnittartigen, aber edelst designten Geschichtsparcours aus Israel in Deutschland. Vorspiel für eine für 2020/21 angepeilte Jerusalem-Ausstellung in Bonn und die „Jerusalem-Gespräche“, die kommenden Dienstag in der Bundeskunsthalle starten.

Die Geschichte der Menschheit beginnt buchstäblich im Dunkeln, das sich suggestiv über fast die gesamte Schau legt. Dann und wann werden Exponate per Punktstrahler aus dem Schatten geholt. 1 400 000 Jahre alte Werkzeuge aus dem Jordantal stehen für die technischen Anfänge, 780 000 Jahre alte verbrannte Flint-Steinchen für die älteste Feuerstelle Eurasiens und die bahnbrechende Erfindung des Feuermachens. Die Gegenüberstellung des 85 000 bis 100 000 Jahre alten Schädels eines Homo sapiens aus Galiläa und eines 60 000 Jahre alten Neandertaler-Schädels thematisiert „Überleben und Aussterben“. Eine neben die Schädel gestellte Installation von Mark Dion – ein Eisbär auf einer mit „Fragile“ gestempelten Transportkiste – rückt die Gefahr des Aussterbens in die Gegenwart.

Mit der Sprache kommt die Geschichte

Der Mensch gründet Familienverbände, die auf längere Dauer angelegt sind, kommuniziert, entwickelt eine auf Sprache fußende Erinnerungskultur und Fantasie, es gibt Kulte, Jenseitsvorstellungen. Das zu dieser „kognitiven Revolution“ gehörige archaische Exponat ist das 60 000 Jahre alte Zungenbein aus dem Kehlkopf eines Neandertalers – technische Voraussetzung, um sprechen zu können.

In kühnen Sichtachsen entwickelt sich der Parcours – von Mark Wallingers menschgewordenem Gott, „Ecce Homo“, der in einem Pantheon mit 36 Gottheiten steht – wandert der Blick zur „landwirtschaftlichen Revolution“, durch die der Mensch sesshaft und zivilisiert wurde und zum wunderbaren Video Doron Solomons, das einen Supermarkteinkauf begleitet, an dessen Ende die prallen Plastiktüten bersten. Von hier geht der Blick vorbei an der industriellen Revolution mit einem von zwölf noch erhaltenen Exemplaren der Gutenbergbibel und der wissenschaftlichen Revolution mit dem Originalmanuskript zu Einsteins Relativitätstheorie direkt auf eine gruselige Projektion: Bruce Conners Zusammenschnitt von Dokumentationen der Atombombentests 1946 auf dem Bikini-Atoll.

Als einzige Spezies der Erde ist der Mensch in der Lage, seine Welt zu zerstören, und er allein kann andere Planeten bereisen: Bilder von der Mondlandung 1969 flimmern neben Yinka Shonibares Astronauten-Familie (2000) in Raumanzügen mit afrikanischen Mustern. Zukunftsmusik. Welche Fossilien werden von uns bleiben? Christopher Locke zeigt sie: Versteinerungen einer Musikkassette, einem Playstation-Controller und einem Wählscheibentelefon.

Alles vorhersehbar, aber eindrucksvoll präsentiert. Die Haupterrungenschaften des Menschen seien die Entwicklung von Fantasie und Fiktion, sagte Harari bei der Pressevorstellung am Montag per Videobotschaft. Fantasie und Fiktion seien die Urkräfte für alles. Beides wird in dieser in ihrer Kürze sicherlich polarisierenden und provozierenden Schau aufs Schönste aktiviert.

Bundeskunsthalle; bis 26. März 2017. Di, Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr. Katalog 19,95 Euro