Bonner Kreuzkirchenchor in Jerusalem und Bethlehem

Friedensvision im Heiligen Land

Der Kreuzkirchenchor in der Erlöserkirche in Jerusalem

Der Kreuzkirchenchor in der Erlöserkirche in Jerusalem.

Bonn/Jerusalem. Als sich die Anspannung nach der Aufführung legt, machen sich die Gefühle Luft: "Wahnsinn", "irre", "ein tolles Projekt".

Dichtes Gedränge in einem Saal der Erlöserkirche in Jerusalem: Sänger und Musiker umringen Ulrich Nitschke und seine Frau, auf deren Initiative hin Daniel Schnyders Oper "Abraham" von Düsseldorf und Bonn nun auch den Weg ins Heilige Land gefunden hat. Zwei Aufführungen in zwei Tagen: am Samstagabend in der protestantischen Erlöserkirche in der Jerusalemer Altstadt und gestern Abend in Bethlehem.

Nitschke spricht von einem Traum, den er sich habe erfüllen wollen. Es ist eine ganz private Initiative. In Ramallah im besetzten Westjordanland ist gerade sein vierjähriger Einsatz für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit zu Ende gegangen. Nitschke ist studierter Theologe und war in der Zeit in Ramallah auch im Gemeinderat der Erlöserkirche. Seine Frau singt im Chor der Bonner Kreuzkirche, die die "Abraham"-Oper im November gemeinsam mit der Düsseldorfer Johanneskirche uraufgeführt hatte. Karin Freist-Wissing, die Kreuzkirchenkantorin, war schnell von der Idee Nitschkes zu überzeugen.

"Ich war erstmals vor anderthalb Jahren in Jerusalem, das war ein unglaubliches Erlebnis." Der politische Konflikt und das Zusammenleben der Religionen habe sie seitdem nicht mehr losgelassen. "Abraham" erzählt die Geschichte des Stammvaters der drei monotheistischen Weltreligionen, der erst ein Kind mit seiner Sklavin Hagar zeugt, weil seine Frau Sarah ihm bisher keine Kinder gebären konnte, und dann doch noch ein Kind von ihr bekommt.

Schnyders Oper betont das menschliche Drama von Liebe, unerfülltem Kinderwunsch, Eifersucht, Verzweiflung, Todesangst. "In meinen Opern geht es immer um verrückte Liebesgeschichten", sagt Schnyder, der auch in Jerusalem und Bethlehem wieder die Solosaxophonpartien spielt.

Schnyder hat Schweizer Wurzeln, lebt aber seit Anfang der 90er Jahre in New York. "Kirchenräume sind nicht wirklich für Opern gemacht", sagt er nach der Aufführung in der Erlöserkirche ein wenig entschuldigend. Die Kirche ist wesentlich kleiner als die Bonner Kreuzkirche, daher beschränkte man sich auf eine konzertante Aufführung. Die Sänger traten anders als in Bonn ohne Mikroports auf, was aber dazu führte, dass bei vollem Einsatz aller 32 Orchestermusiker die Stimmen nicht nur der Solisten, sondern teilweise auch des Chors von den mittleren Kirchenbänken schon kaum mehr zu hören waren.

Gleichwohl machte die Oper auf die zumeist deutschen Zuhörer in der gut besuchten Kirche mit ihrer musikalischen Mischung aus Orient und Okzident einen starken Eindruck. Die Sänger trugen den Text größtenteils auf Deutsch vor, die englische Übersetzung wurde auf die Apsiswand der Kirche projiziert, ebenso wie die Lichtprojektionen von Kanjo Takés, die die Handlung begleiteten.

Dass Schnyders Saxophonsolo gegen Ende, als Abraham sich von allen verlassen fühlt, noch mit einer Schwarz-Weiß-Abbildung eines schreienden Mannes mit schreckstarren Augen untermalt wurde, wirkte allerdings platt.

Schnyders Oper findet ein überraschend gutes Ende: "Ich wollte zeigen, dass die Stämme Abrahams in Frieden wieder zusammen finden sollen." Die Sklavin Hagar und ihr Sohn Ismail, in deren Stammeslinie sich Muslime sehen, kehren nach Sarahs Tod aus der Wüste zurück und leben im Haus mit Abraham und seinem zweiten Sohn Isaak. 30 Kilometer südlich von Jerusalem verehren Juden und Muslime in Hebron gemeinsam das Grab Abrahams und seiner Nachkommen, aber es ist ein eifersüchtiges Anbeten, das schon in Blutbädern endete.

Ein bisschen Ortsbesichtigung haben die gut 100 Sänger und die Musiker in Jerusalem und dem Westjordanland unternommen. Für die meisten geht es am heutigen Montag zurück. Christian Haug, Tenorsänger aus Bonn, hängt noch ein paar Tage an. Er hat am ersten Abend in einer Bar einen jüdischen Israeli kennengelernt. Heraus sprang gleich eine Einladung zum Schabbatessen in dessen Familie. "Kerzen, Gebete, Wein, Brotbrechen - das erinnerte uns an unser Abendmahl", erzählt Haug.