Titel „Versiegelte Zeit“

Effektvolle Ausstellung im Bonner Kunstmuseum

Nadia Kaabi-Linke im Kunstmuseum Bonn vor ihrem Bild „The Altarpiece“ aus dem Jahr 2015. FOTO: BENJAMIN WESTHOFF

Nadia Kaabi-Linke im Kunstmuseum Bonn vor ihrem Bild „The Altarpiece“ aus dem Jahr 2015. FOTO: BENJAMIN WESTHOFF

Bonn. Das Kunstmuseum Bonn präsentiert ab Mittwochabend unter dem Titel „Versiegelte Zeit“ Arbeiten von Nadia Kaabi-Linke. Den Einstieg bildet eine Videoinstallation, die sich mit dem Thema Einreise befasst.

Die Ausstellung „Versiegelte Zeit“, die Mittwochabend im Kunstmuseum Bonn eröffnet wird, beginnt mit einem starken akustischen Einstieg. In der Videoinstallation „No“ befindet sich ein (unsichtbarer) Vorbeter im ritualisierten Gespräch mit seiner Gemeinde, die auf sämtliche seiner Fragen mit einem kollektiv gesungenen „No“ antwortet. Der Kontext, das hört man langsam heraus, ist kein religiöser sondern ein höchst weltlicher, denn hier wird der Fragenkatalog, der bei der Einreise nach Großbritannien beantwortet werden muss, „heruntergebetet“.

Fragen nach terroristischen Taten, zwielichtigem Charakter oder begangenen Verbrechen, die wir, ob Terrorist oder nicht, selbstverständlich mit Nein beantworten. Nadia Kaabi-Linke ist mit dieser Arbeit eine eindrückliche Metapher auf bürokratisch gesteuerte Mechanismen gelungen, eine Art Gebet, mit dem ein Land das Böse abwehren will.

Die 1978 geborene Künstlerin wuchs in Tunis, Kiew und Dubai auf, studierte Kunst an der Pariser Sorbonne und lebt seit Jahren in Berlin. Für ihre Arbeiten, die sie mit ihrem Mann Timo gemeinsam entwickelt, ist das nicht unerheblich, denn immer wieder bezieht sie sich auf verschiedene Kulturen, Orte und historische Zusammenhänge, deren Spuren bis in die Gegenwart reichen. Etwa die Arbeit „Modulor III“, die in Umrissen an Boden und Wand die Größen von unterschiedlichen Gefängniszellen in Deutschland, darunter die JVA Tegel, Buchenwald, Hohenschönhausen, die JVA Moabit und das Landesbehördenhaus in Bonn, festhält.

Dazwischen die „modular carcerale“ mit einer Größe von 2,54 Meter in Länge, Breite und Höhe, die der Architekt Guillaume Giller als Standard für ein französisches Gefängnis entwarf. Als Anregung diente ihm das von Le Corbusier entwickelte Proportionssystem Modulor, das eine am Maßstab des Menschen orientierte Architektur begünstigen sollte.

„Versiegelte Zeit“ ist eine mit insgesamt 14 Werken, einige davon eigens für Bonn geschaffen, von Barbara Scheuermann kuratierte Ausstellung und es ist der erste große institutionelle Auftritt für Nadia Kaabi-Linke in Deutschland – den man nicht verpassen sollte.

„Parkverbot“ heißt eine mit stacheliger Taubenabwehr überzogene und damit unbenutzbare Parkbank. Ein Symbol für die aktuelle deutsche Willkommenskultur? Möglich, aber die Arbeit stammt aus 2010, als Flüchtlinge noch kein Thema waren. Vielleicht, meint Nadia Kaabi-Linke mit einem Schmunzeln, sei die Bank auch einfach nur die Revanche für die Tauben, die sich nirgends niederlassen dürfen. Auf der „Nervösen Bank“ dagegen sollte man unbedingt Platz nehmen. In der vermeintlich normalen Museumsbank ist in Wahrheit das nervöse Wippen und unregelmäßige Klopfen gespeichert, mit dem Wartende an Flughäfen und anderswo ungeduldig ihre Zeit vertreiben. Nun gibt die Bank diese Nervosität des modernen Menschen an den nichtsahnenden Museumsbesucher weiter. Die Arbeiten von Nadia Kaabi-Linke haben stilistisch und formal kaum Ähnlichkeiten; ihre Suche nach den Spuren von Geschichte und Geschichten führt sie zu den unterschiedlichsten Materialien und Techniken. Mit einem wunderbaren Sinn für die effektvolle Inszenierung, die zugleich klar und rätselhaft ist und deshalb neugierig macht, entlässt sie den Betrachter in eine anregende Auseinandersetzung mit ihren Werken.

Kunstmuseum Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 2, Eröffnung heute Abend um 20 Uhr, bis 28. Januar 2018, Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr. Kuratorenführung am 5. November, 11 Uhr; Finissage am 28. Januar 2018, 11 Uhr.