Jazzfest Bonn

Die Liebe ist ein Wahnsinn

Bonn. "New York bei Nacht" lautete der Titel des Eröffnungsstückes beim diesjährigen Bonner Jazzfest. Das war von Dombert's Urban Jazz wohl sicher nicht programmatisch gemeint, aber es trifft doch ein bisschen die Atmosphäre der Veranstaltung, die musikalisch absolut internationales Format hatte und im ausverkauften Telekom Forum eine Location fand, die der Musik einen entsprechend attraktiven Rahmen bot.

Ungewöhnlich beim Auftritt des Gitarristen Andreas Dombert und seiner vier musikalischen Partner war die Verbindung von Ton und Bild. Der Videokünstler Tim Fehske nämlich hatte zur Musik wunderbare Bildlandschaften erfunden, die er auf die LED-Wand im Hintergrund produzierte.

Viel Natur war hier zu sehen, aber auch nüchtern geometrische Figuren, die sehr gut zu den oft sehr tanzbaren, mitunter auch psychedelisch abschweifenden Klangwelten passten. Erschaffen wurden sie sowohl von klassischen Jazzinstrumenten Gitarre, Saxofon, Bass und Schlagzeug wie auch von Peter Sandners (Dorsch) Computer.

Der Kontrast, den die WDR Big Band im Anschluss bot, hätte größer kaum ausfallen können. Zumal die unter Leitung von Michael Abene angereiste Band mit dem Italiener Raphael Gualazzi einen Sänger und Pianisten mitgebracht hatten, der trotz seines zweiten Platzes beim Eurovision Song Contest 2011 in Deutschland erst noch entdeckt werden müsste.

Bereits bei seinem ersten Stück "Zucchero dolce" zeigte er seine phänomenalen Virtuosen-Qualitäten. Er beherrscht das Klavierspiel auf höchstem Niveau, es besitzt Rhythmus, Geschmeidigkeit, Brillanz und Seele. In "Tuesday" von seiner aktuellen Platte "Reality and Fantasy" zeigte er mit seinem Klaviersolo, wie toll rhythmische Freiheit und metrische Präzision miteinander harmonieren können. Und die Rasanz, mit der "Caravan" vorbeirauschte, könnte man mit einigem Recht als extrem risikofreudig bezeichnen.

Aber er ist eben auch ein fantastischer Sänger, der im Swing-Idiom ebenso sicher und authentisch phrasiert, wie er die Pop-Floskeln draufhat. In der WDR Big Band fand er musikalische Partner, die absolut auf Augenhöhe spielten. Vor der Zugabe stelle er sich seiner Grand-Prix-Vergangenheit und spielte "Madness of Love". Hinreißend.

Bernhard Hartmann

War es ein Abend der Gegensätze? Zunächst der Pianist Hubert Nuss mit seinem abstrakten Impressionismus, dann Stacey Kent, die Meisterin der zarten musikalischen Pinselstriche. Peter Materna, der künstlerische Leiter des Jazzfests Bonn, bewies mal wieder ein feines Händchen, zwei Jazz-Künstler für ein Abendprogramm in der Bundeskunsthalle zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nicht so recht zusammenzupassen scheinen. Doch was Nuss und Kent verbindet, ist ihre Liebe für die emotionalen Zwischenräume.

Die große Geste ist ihre Sache nicht. Sie gehören zu den Musikern, die einen Schritt zurücktreten, um das große Ganze im Blick zu behalten, die jedem Ton die ihm gebührende Bedeutung geben, die jede einzelne Note auskosten, ausschwingen lassen.

Das Zusammenspiel von Farben, die Bewegung in der Malerei, hat den französischen Komponisten und Organisten Olivier Messiaen (1908-1992) fasziniert, für ihn war Musik nichts anderes als Malerei mit Klängen. Dass Hubert Nuss sich von Messiaen inspirieren lässt, ist unüberhörbar. Seine jüngste CD "The Book of Colours" ziert ein Bild des schweizerischen Malers Charles Blanc-Gatti, der ein guter Freund Messiaens war. Beiden widmet Nuss mehrere Kompositionen ("Ollysses And The Unexpected Dream", "Coloured Autumn").

Dass Nuss auch eine andere Seite hat, zeigt er gleich mit seinem Eröffnungsstück "A Virtual Dream Of The Nearest Thing To Heaven", eine an Eric Satie anklingende sinnliche Komposition, mit der das Trio gleich ihr akkurates und intimes Zusammenspiel unter Beweis stellen konnte.

Stacey Kent ist ein Superstar unter den Jazzsängerinnen. Warum das so ist, wird schon bei den ersten Takten ihres 80-minütigen Auftritts klar. Zurückhaltend ist sie, aber nicht unnahbar. Ausdrucksstark, dabei nicht ausschweifend.

Wenn sie "They Can't Take That Away from Me" singt, dann nimmt sie das Tempo heraus und verleiht dem Gershwin-Klassiker eine ganz eigene Melancholie. Wenn sie einen Bossa Nova singt, dann nimmt sie ihm die entrückte Coolness. Ihre klare Stimme, die perfekte Intonation hat einen Hauch von Brüchigkeit.

"Corcovado", "O Comboio" oder "So Nice" bekommen von Stacey Kent, unter anderem begleitet von ihrem Mann und Saxofonisten Jim Tomlinson, eine Beschwingtheit und Schwerelosigkeit, die sich ganz unaufdringlich im Ohr festsetzt.

Cem Akalin