Von Helmut Rahn bis VW-Käfer

Deutsche Mythen im Haus der Geschichte

Bonn. Die Ausstellung ist sinnlich und intelligent zugleich: Das Bonner Haus der Geschichte zeigt „Deutsche Mythen seit 1945“.

Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt ...“ und: Schweigen aus dem Lautsprecher im Entree. Der vierfache „Toooor!“-Schrei der Originalreportage von Herbert Zimmermann aber wird den meisten Besuchern im Bonner Haus der Geschichte auf den Lippen liegen. So ist „Das Wunder von Bern“ (1954) der ideale Türöffner zur Ausstellung „Deutsche Mythen seit 1945“.

Zuerst aber erblickt man ein gezeichnetes Gehirn, an dem Projektleiter Daniel Kosthorst die Begriffe klärt: „Mythen sind für uns hier nicht Lügen oder Falschmeldungen, sondern Erzählungen der kollektiven Erinnerung.“ Wobei der Berner WM-Sieg zwar sogleich mit (hier ausgestelltem) „Fritz-Walter-Sekt“ begossen, aber erst durch Sönke Wortmanns Film (2003) zum Nationalheiligtum wurde.

Wirkmächtigster Mythos in Ost- wie Westdeutschland war gewiss „Die Stunde Null“. Originaltrümmer aus Hamburg und eine Fliegerbombe künden von der Zerstörung der Großstädte, doch hier wie an anderen Stationen des labyrinthischen Rundgangs laden Nebenräume zum Blick hinter die Mythenkulissen ein. So gab es eben 1945 auch weitgehend verschonte Landstriche, und auch am hehren Ruf der „Trümmerfrauen“ wird ein wenig gekratzt.

Für die DDR steht ein kitschiger Rotarmist mit Kind im Arm auf dem Befreiersockel – doch im Holzverschlag dahinter blickt man durch Schlüssellöcher in die ärmliche Welt der Sowjetkasernen.

Cremefarbener Käfer statt goldlackiertes Millionen-Einzelstück

Der „Wirtschaftswunder“-Mythos wird mit dem kleinsten und größten Exponat symbolisiert: hier die silberne D-Mark-Münze (die letzte des damaligen Finanzministers Hans Eichel von 2002) – dort der einmillionunderste VW-Käfer von 1955. Sehr deutsch: Das cremefarbene Auto war sicherheitshalber als Ersatz für das goldlackierte Millionen-Einzelstück vorgesehen. Dass auch das Loblied auf unsere Wirtschaftskraft einige Tatsachen ausblendet, belegen unterdessen Streikplakate des DGB gegen die Härten der Währungsreform von 1948. Daneben gibt es dezente Hinweise auf Marshallplan, Schuldenerlass und Korea-Krieg. Die zeigen, dass Ludwig Erhard (nur echt mit Zigarre) den Aufschwung nicht im Alleingang schaffte.

Auch die „Friedensmacht“, als die sich Bundesrepublik und DDR gern sahen, wird im Faktencheck leicht ramponiert. So ruht hinter Glas der (leere) Farbbeutel, den Joschka Fischer 1999 auf dem Grünen-Parteitag als Protestgeschoss gegen die deutsche Teilnahme am Kosovo-Krieg abbekam.

Und die ach so pazifistische Ostschwester vertraute nicht nur auf Hammer und Sichel, sondern exportierte heimlich Waffen. Davon zeugt das 1989 in einem Rostocker Depot entdeckte Sturmgewehr.

Man kann all die Geschichten, die hier mit digitalem Buch (über die schleppend einsetzende Holocaust-Aufarbeitung), an Monitoren und mit Kopfhörern erzählt werden, unmöglich wiedergeben. Aber die ebenso sinnliche wie intelligente Schau zeigt exemplarisch, wie man Geschichte dingfest macht.

„Sommermärchen“ von 2006 als Satiresendung

Humor gehört unbedingt dazu. So wird im zweiten Fußballblock das deutsche Heimspiel-„Sommermärchen“ von 2006 in einer Satiresendung als Geschichte „von einem Goldesel und einem Kaiser mit sehr viel Geld“ karikiert. Der kurzlebigste Mythos war wohl die „Wir sind Papst“-Euphorie, wobei man hier noch einmal auf vergoldetem Thronsessel vor dem entsprechenden „Bild-“Titelblatt probesitzen kann.

Im wohl witzigsten Ausstellungskapitel wird „Umwelt-Weltmeister“ Deutschland recht gründlich vom Sockel gekegelt. Und zwar nicht nur von HA Schults „Trashman“. In einem köstlichen Ausschnitt aus „Otto – Der Außerfriesische“ beaufsichtigt der spillrige Komiker die fachgerechte Entsorgung eines Teebeutels, die zum grotesken Öko-Eiertanz eskaliert. Öffnet man dann die Deckel der verschiedenfarbigen Mülltonnen, wird klar, wie weit wir Trennfanatiker auch bei den Abfallmengen vorn liegen.

Gegen Ende wird noch nach europäischen Mythen gefragt, die es aber nicht wirklich gibt. Da hilft auch das wohl kostbarste Exponat nicht: die Friedensnobelpreisurkunde (2012) für die EU, eine Leihgabe aus dem Tresor des Kommissionspräsidenten.

Natürlich, so erläutert Daniel Kosthorst, gibt es deutsche Mythen vor 1945, doch markiert das Kriegsende eben einen „Mythenschnitt“. Dem fiel auch der als „Hermann der Cherusker“ verehrte Teutonenrecke zum Opfer. Dennoch sieht man ihn hier, zum grünen Gartenzwerg mutiert, als Rausschmeißer. Da hat sich germanischer Größenwahn amüsant gesundgeschrumpft.

Bis 14. Oktober, Di-Fr 9-19 Uhr, Sa/So Feiertage 10-18 Uhr. Eintritt frei. Begleitbuch 19,90 Euro. Willy-Brandt-Allee 14. www.hdg.de