Trotz weggefallener Spielstätte

Der Jazz in Bonn hat Zukunft

Bonn. Die Bonner Jazz-Szene hat zwar mit dem Casino im Bonncenter eine tolle Spielstätte verloren, ist aber vital wie eh und je. Das Jazzfest Bonn, eine neue Reihe im Pantheon und die nächste Jazz-Tube-Staffel erfreuen die Fans.

Als vor zwei Wochen das 60 Meter hohe Bonncenter am Bundeskanzlerplatz mit einem großen Rumms in sich zusammenfiel, wurde damit auch ein Juwel der Bonner Jazzszene begraben. Wo früher Hotelgäste des Steigenberger gezockt hatten, war 2012 das Pantheon Casino eingezogen. Ein bizarrer Ort unter Tage, der seine Vergangenheit als mondäne Spielhölle nicht verleugnen konnte und eigentlich eine große Zukunft hatte - mit Comedy und Jazz statt Poker und Roulette. Diese Zukunft endete vor zwei Wochen. Mitte 2013 hatte der Bonner Jazzmusiker, Big Band Leader und Konzertveranstalter Thomas Kimmerle im Gespräch mit dem General-Anzeiger noch von einem Defizit der Bonner Szene gesprochen: Ein Jazzclub (den es früher in der Stadt gab) fehle.

Im Herbst 2013 startete Kimmerle dann seine Konzertreihe im neuen Casino, ein hochkarätiges Programm mit vielen Stars des Jazz. Lee Konitz oder Tony Lakatos kamen in die ehemalige Spielhölle. Kein echter Jazzclub, aber doch ein Jazzkeller. Der jetzt unter Tonnen Schutt begraben ist.

Gute Nachricht: Es gibt einen Neuanfang an anderer Stelle, an einem prominenten Ort. Am kommenden Montag startet Kimmerle sein neues Programm im neuen Pantheon in der Halle Beuel. Tolle Atmosphäre, riesige Bühne, mit bis zu 430 Sitzplätzen (das Casino hatte 120). Wie geschaffen für das Bonn Jazz Orchester, das sich einst im Casino auf die winzige Bühne quetschte und fast den Keller sprengte. Der brillante Trompeter Dusko Goykovich, 85-jährige Legende des europäischen Jazz, wird der Stargast des Abends im Pantheon. Für Kimmerle ein Versuchsballon - mal sehen, was geht, und ob es funktioniert.

Das Bonner Jazz Orchester

Das Bonn Jazz Orchester ist nicht nur ein fantastischer Klangkörper, es ist so etwas wie ein Riesennetzwerk der Szene, ein Schmelztiegel. Oliver Pospiech, exzellenter Posaunist und Chef des Orchesters, leitet nebenbei die Uni Big Band und sorgt mit Köbes Underground für eine schöne Grundierung der Kölner Stunksitzung. In der ersten Reihe, bei den Saxofonen, sitzt am Tenor Kimmerle, der in mehreren Ensembles unterwegs ist, das Bonner Jugend Jazz Orchester und die AKO-Big-Band leitet. Flankiert wird er in der Regel von dem Tenoristen Thomas Heck, der für die Nonnenwerth Big Band verantwortlich ist, 2013 mit Kimmerle das Jugend Jazz Orchester gründete und ebenfalls leitet, und von Shawn Spicer am Baritonsaxofon, auch er ein exzellenter Musiker, Bezirkschef der Bonner Musikschule und Leiter der hervorragenden Big Band der Musikschule. Pianist Oliver Leue schließlich ist Dozent an der Musikschule Bonn.

Leue kann sich mit den Musikschul-Kollegen Michael Heupel (Querflöte), Bruno Leicht (Trompete), Christoph Möckel (Saxofon), Ralph Beerkircher (Gitarre), Gunnar Plümer (Bass) und Roland Höppner (Schlagzeug) über eine tolle Auszeichnung freuen: Kürzlich wurden sie mit dem WDR-Jazzpreis 2017 für die Jazzabteilung ausgezeichnet. Die Ausbildung des Nachwuchses "ist in Bonn perfekt", meint Kimmerle, den einzig Sorge macht, dass die Kinder und Jugendlichen durch die Umstellung auf G8 neben der Schule kaum noch Zeit haben. "Das Zeitfenster für den Musikunterricht ist viel kleiner geworden", beklagt Kimmerle.

Der Charme der Bonner Szene ist ihre Vielfalt und die Vielzahl der Akteure. Chef im Ring ist der Saxofonist Peter Materna, der Solo und im Ensemble brillant ist, und als Impresario des Bonn Jazz Festes seit sieben Jahren für den Höhepunkt im Bonner Jazzkalender sorgt. In zwölf Konzerten vom 12. bis 27. Mai lässt er es an verschiedenen Spielorten der Stadt krachen: Stars wie Brad Mehldau, Rebekka Bakken, Viktoria Tolstoy, Jasmin Tabatabai, Marius Neset, die Jazzkantine und, und, und holt er nach Bonn. Maternas Festival hat sich mit rund 6000 Besuchern und einer immer wieder aufregenden Mischung nationaler und internationaler Größen längst in der Stadt etabliert.

Die vielen Spielstätten

Eher regionale Kräfte verpflichtet Herbert Kaupert - in Allianz mit Kimmerle - für seine Dottendorfer Jazznächte. Kaupert hat das denkbar Mögliche aus dem maroden Gemeindezentrum gemacht - die Szene liebt die Location und ihre Musiker vom Hanno Busch Trio bis Christine Corvisier.

Klein und fein ist die Reihe "Aspekte" im Beethoven-Haus, die Ursula Timmer-Fontani organisiert. Die Endenicher Harmonie mischt gelegentlich im Jazzfach mit, Rita Baus sorgt mit ihrer Reihe "Quatsch keine Oper!" auch für jazzigen Glanz. Free Jazz und experimentelle Klänge sind in den Räumen des Dialograums Kreuzung an St. Helena zu hören, den der Verein In Situ Society bespielt. An wechselnden Orten präsentiert der 1988 gegründete Verein Jazzin' Bonn seine Programme.

Das Schumannhaus öffnet sich der Jazzmusik. Kimmerle ist auch hier dabei (wie etwa auch bei einem dreitägigen Festival am Tegernsee). Er bereitet ein Konzert fürs Schumannfest vor und eine Reihe mit Soloabenden im Schumannhaus. Nike Wagner schließlich hat für ihr Beethovenfest ebenfalls diese Musik entdeckt. Im vergangenen Jahr konnte man Manu Katché hören, dieses Jahr freut man sich auf das Pablo-Held-Trio.

Mit seinem Format für jüngere Musiker, der U-Bahn-Reihe JazzTube, hat Kimmerle in diesem Jahr viel vor: Auftakt im Stadtgarten, Festival im Herbst. "Eigentlich eine tolle Szene", die sich hinter Köln nicht verstecken müsse. Aber ein echter Jazz-Club, der fehlt noch immer in Bonn.