„Sofort Bilder“ ist neu erschienen

Bildband von Wim Wenders als "visuelles Notizbuch"

New York bot dem Fotografen die reizvollste Motivfülle – hier ein typisches Polaroid.

New York bot dem Fotografen die reizvollste Motivfülle – hier ein typisches Polaroid.

Bonn. Der Band „Sofort Bilder“ mit Polaroids und Erinnerungen von Wim Wenders bietet faszinierende Einblicke. Unser Autor findet: Der Autorenfilmer nutzt die Kamera als „visuelles Notizbuch“.

Sie waren schon fast vergessen, eingesargt in Zigarrenkisten. Doch dann fand der Filmregisseur Wim Wenders jene Polaroids wieder, die er vom Ende der 60er Jahre bis etwa 1981 aufnahm. 403 davon sind im wunderbaren Band „Sofort Bilder“ versammelt und vom Fotografen selbst anekdotenreich kommentiert.

Wenders räumt ein, heute selbst per iPhone zu knipsen, doch er trauert den von der Kamera ausgespuckten Papierbildern nach, deren Entwicklung man anfangs in der Achselhöhle beschleunigen konnte. Vor allem: Man hatte ein Unikat, etwas, das man der Realität gewissermaßen gestohlen hatte. „Man hielt die Welt in der Hand.“

Dies gilt hier gleich doppelt, denn der Roadmovie-Fan war stets viel unterwegs. Immer wieder New York, wo er Wolkenkratzer, Straßenszenen, Campbell-Suppendosen und das Fernsehprogramm ablichtete, außerdem Kalifornien und das Monument Valley, von dem er so gebannt war, dass er die Entwicklerschicht stets zu spät abzog und die Bilder so stark nachgedunkelt sind.

Der Autorenfilmer nutzt die Kamera als „visuelles Notizbuch“ in dem dann doch einige Seiten fehlen. So gibt es von seinem Debüt „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ nur ein arg verblichenes Bild des Hauptdarstellers Arthur Brauss. Dafür aber die schöne Geschichte, wie Wenders 1972 die Vorführung des Films in Venedig verpasste, wenig später den sturzbetrunkenen Brauss aus Polizeigewahrsam holen musste –- und dann einen Goldenen Löwen gewann.

Oder wie er in Manhattan zufällig eine „Annie“ traf, die ihn eher vage nach San Francisco einlud. Dort hatte sie anfangs gar keine Zeit für ihn, war auf dem Sprung nach L.A., und auf der gemeinsamen Resie machten beide Fotos voneinander. Da Annie mit Nachnamen Leibovitz heißt, sind ihre sieben Wenders-Schnappschüsse eine aparte Zugabe im Buch.

Fast abstrakt wirken die Schwarz-Weiß-Impressionen, die der Regisseur auf Motivsuche in Massachusetts einfing: geballte Ödnis. Doch ohnehin wurde „Der scharlachrote Buchstabe" dann nicht an der Osküste, sondern in Spanien gedreht. „Ich glaubte keine Sekunde an unsere Drehorte“, erinnert sich der 72-Jährige, der das Kinoresultat als „eine Art David Lean für Arme“ bewertet.

Das Buch strotzt nur so von guten Geschichten: Wie Wenders jeden Glauben an sein Projekt „Alice in den Städten“ verlor, als er Peter Bogdanovichs „Paper Moon“ sah und darin ein vorweggenommenes Plagiat erblickte. Bis ihm der US-Kollege Sam Fuller mit einer Tirade voller Drehbuchvorschläge das Zutrauen wieder einbläute.

Oder wie ihm Patricia Highsmith höchstpersönlich die Rechte an ihrem nächsten Roman gab – und sich die Hauptdarsteller Dennis Hopper und Bruno Ganz bei den Dreharbeiten zu „Der amerikanische Freund“ die Nasen blutig schlugen.

Die Polaroids wurden für diesen Band nicht bearbeitet, doch gerade Wellungen, Kratzer und verschossene Farben verstärken den Unikat-Eindruck. Manches Bild wirkt wie eine Solarisation von Man Ray, andere ähneln mit ihrem reizvollen Craquelé altmeisterlichen Gemälden, und viele New York-Eindrücke erinnern an Edward Hoppers Einsamkeitsstudien. Besonders reizvoll: die bei Vorstudien für „Im Lauf der Zeit“ an der deutsch-deutschen Grenze eingefangene Tristesse, die wie ein Echo jener schonungslosen Bilder wirkt, die Walker Evans in den amerikanischen Depressionsjahren machte.

Für ein privates Tagebuch hat der Regisseur die diversen Kameras eher nicht benutzt, nur einmal wird es sehr persönlich: am Tag nach John Lennons Tod fliegt Wenders nach New York und reiht sich in die Schar jener Menschen ein, die vom Dakota Building durch den Central Park ziehen. „Wir trauerten alle über das Ende einer ganzen Ära. Unserer Jugend.“

Wim Wenders: Sofort Bilder. 403 Polaroids und die Geschichten dazu. Schirmer/Mosel, 320 S., 49,80 Euro.