Interview zum Schumannfest

„Man soll seinen Leidenschaften folgen“

Hingabe an die Liedkunst: Pianistin Pauliina Tukiainen. FOTO: ASTRID ACKERMANN

Hingabe an die Liedkunst: Pianistin Pauliina Tukiainen. FOTO: ASTRID ACKERMANN

Bonn. Gespräch mit der finnischen Pianistin Pauliina Tukiainen, die dem Schumannfest als künstlerische Beraterin neue Impulse verleiht. Das aktuelle Festival steht unter dem Motto "Lied.Gut".

Wie haben Sie ihre Liebe zum Lied entdeckt?
Pauliina Tukiainen: Das war eigentlich mehr ein Zufall. Ich habe in Finnland angefangen, Klavier zu studieren, und dort hat mich eine Sängerin angesprochen. Sie hat mich neugierig gemacht, und ich bin sofort in diese Sängerwelt hineingerutscht. Das erste Lied, bei dem ich den Klavierpart spielte, war Hugo Wolfs Mörike-Vertonung „Das verlassene Mägdlein“. Ich konnte damals noch nicht Deutsch sprechen und verstand nur die Übersetzung. Aber ich war von diesem Lied fasziniert, vielleicht auch, weil ich mich selbst gerade mitten in einem Beziehungsdrama befand – wie das im Studium halt so ist. In dieser Situation hat mich das Lied sehr angesprochen. Mir war schnell klar, die Kunst der Liedgestaltung richtig studieren zu wollen, und so ging ich nach Deutschland. Das war 2001. Und ich bin noch immer hier.

Wenn man sich als Pianistin entschließt, Liedbegleiterin zu werden, legt man sich dann nicht im Hinblick auf die Karriere selbst Steine in den Weg?
Tukiainen: Ich glaube im Gegenteil. Als ich das Lied für mich entdeckt habe, hat es meinem Klavierspiel einen Sinn gegeben. Mir war schon sehr früh klar, dass ich das Klavierspielen zu meinem Beruf machen wollte, aber nicht die künstlerische Richtung, die ich einschlagen wollte. Das kam erst mit dem Lied. Ich bin überzeugt davon, dass man seinen Leidenschaften folgen sollte und dann schauen, was passiert. Es gibt ja auch nur sehr wenige Pianisten, die von ihrem solistischen Spiel leben können. Dieser Weg entsprach auch nie meinem Interesse.

Was genau fasziniert Sie so sehr an der Gattung Lied?
Tukiainen: Da ist zunächst einmal die Kombination aus menschlicher Stimme und Klavier. Dazu finde ich es viel spannender, wenn mehrere Leute an der Entstehung von Musik beteiligt sind. Bei Liedern ist es immer wieder faszinierend, dass man sich in kurzer Zeit in so unterschiedlichen Gefühlswelten bewegen kann. Mir gefällt die emotionale Dichte dieser Gattung. Die Gefühle, die im romantischen Lied zum Ausdruck gebracht werden, sind genau die gleichen, die wir heute haben. Man reflektiert durch das Lied auch sein eigenes Leben, schaut wie in einen Spiegel. Das für die Romantik typische Motiv des Wanderns, das immer wieder eine Rolle spielt, ist heute durch das große Thema Migration unglaublich aktuell. In ganz Europa.

Sie denken etwa an den Wanderer in Schuberts „Winterreise“?
Tukiainen: Ja genau. Oder nehmen Sie Schuberts Lied „Der Wanderer“, wo es heißt, „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!“ Das beschreibt die ganze Bewegung im heutigen Europa, beschreibt die Situation der Menschen, die ihr Glück in der Fremde suchen müssen. Und es beschreibt auch die Sehnsucht in jedem von uns, auch wenn es für uns nicht um unsere Existenz geht. In welcher anderen Kunstform könnte man das Menschsein sonst in so knapper Form reflektieren?

Sie meinen, das Lied sensibilisiert den Hörer?
Tukiainen: Mich persönlich zieht diese Melancholie, diese Tiefe unglaublich an. Das ist vielleicht etwas typisch Finnisches, aber sicher auch etwas sehr Deutsches. Diese leidenden Charaktere finde ich sehr faszinierend – auch wenn ich sonst ein sehr lebensfroher Mensch bin.

Ihr Kollege Gerald Moore, der wohl berühmteste Liedbegleiter des 20. Jahrhunderts, hat einmal ein Buch geschrieben mit dem Titel „Bin ich zu laut?“. Müssen Sie sich am Klavier immer etwas zurücknehmen?
Tukiainen: Ich finde Moores Frage ein bisschen problematisch. Es geht selten nur um die Frage zu laut oder zu leise, sondern es geht um Transparenz und Flexibilität im Klang. Ich sehe es nicht so, dass wir nur einen Klangteppich bereiten, auf dem sich die Stimme des Sängers entfalten kann. Ich benutze den Begriff „Begleiterin“ selten, ich sage lieber „Pianistin“ und spreche von dem Fach als „Liedgestaltung“. Ich arbeite auch am liebsten mit Sängern, die wirklich Lust am Dialog haben. Allerdings muss man sagen, dass die Stimme ein sehr sensibles Instrument ist. Sänger sind nicht einfach nur kapriziös – auch wenn sie es manchmal sein können –, aber es ist ein unglaublich anstrengender Beruf. Das muss man als Pianist verstehen.

Ist es denn so ein großer Unterschied, ob Sie mit einem Sänger oder einem Geiger arbeiten?
Tukiainen: Es ist etwas völlig anderes. Allein der sängerische Atem bestimmt die Musik sehr stark. Durch die Nähe zum Gesang wird die Art des Klavierspiels, der Phrasierung sehr viel flexibler. Auch die Sprache spielt da eine große Rolle, die noch zu viel feinerem Zuhören und Reagieren zwingt. Als Studentin war es für mich ohne Kenntnis der deutschen Sprache schwierig, bei einem Strophenlied musikalisch auf die Nuancen der Sprache zu reagieren. Es war für mich dann später eine ganz neue Erfahrung, den Text sozusagen mitzuspielen.

Wie kam es dazu, dass Sie als künstlerische Beraterin zum Schumannfest stießen?
Tukiainen: Nachdem ich 2011 zum ersten Mal dort gespielt habe, kam der Festival-Leiter Markus Schuck auf mich zu und fragte, ob wir nicht regelmäßig zusammenarbeiten könnten. So durfte ich schon einige programmatische Ideen entwickeln, und im vergangenen Jahr kamen wir dann überein, es ein bisschen offizieller zu machen. Vor allem möchten wir gemeinsam jungen Leuten eine Plattform geben. So treten beim Eröffnungskonzert internationale Studierende der beiden Musikhochschulen auf, an denen ich unterrichte und die meine Begeisterung für die Kunstform Lied teilen. Das Schumannfest hat ja auch den Reiz, an einem authentischen Ort zu spielen, sozusagen „an der Quelle“.

Das Festival steht unter dem Motto „Lied.Gut“ und fasst die Gattungsgrenzen recht weit bis zum Tango und zum Beatles-Song. Was aber macht das Besondere an den Liedern Schumanns aus?
Tukiainen: Für mich kommt in den Liedern etwas Entscheidendes von Schumann zur Geltung. Das ist so verletzlich, so intim – und dann auch wieder so überschwänglich und euphorisch. Wenn ich einen Komponisten auswählen müsste, was ich glücklicherweise nicht muss, wäre es Schumann. Da ist eine so große Sehnsucht und Menschlichkeit, in der so viel Wesentliches zum Ausdruck kommt.

Informationen zum Schumannfest: www.bonner-schumannfest.de