Symbolfigur der Revolution

Vor 100 Jahren wurde Rosa Luxemburg ermordet

Rosa Luxemburg (1871-1919): Diese Büste der Politikerin und Schriftstellerin steht vor dem Verlagsgebäude des „Neuen Deutschland“ in Berlin.

Rosa Luxemburg (1871-1919): Diese Büste der Politikerin und Schriftstellerin steht vor dem Verlagsgebäude des „Neuen Deutschland“ in Berlin.

BONN. Biographien, Aufsätze und Reden: Bücher zu Leben und Werk von Rosa Luxemburg, die vor 100. Jahren ermordet wurde. Sie gilt bis heute als eine der berühmtesten europäischen Revolutionärinnen und bedeutende marxistische Theoretikerin.

In der vergangenen Woche gedachten zahlreiche Menschen der Ermordung der Sozialistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vor 100 Jahren – mitunter auch Leute, die der von den beiden vertretenen Politik eher fernstehen. Auch der Buchmarkt befasst sich mit Leben und Werk Luxemburgs, die heute als eine der berühmtesten europäischen Revolutionärinnen und bedeutende marxistische Theoretikerin gilt.

Sie habe „jahrzehntelang auf eine revolutionäre Situation in Deutschland hingearbeitet“, heißt es in der aktuellen Biografie Rosa Luxemburg von Ernst Piper (Blessing, 832 S., 32 Euro). Die Novemberrevolution von 1918 hat die Mitgründerin der KPD jedoch als eine Situation beschrieben, so ergänzt er, „bei der es nichts zu gewinnen gab“. Schon innerhalb der SPD hatte sie um den richtigen Weg zum Sozialismus gestritten: „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“, sagte sie 1906 in Köln.

Rosa Luxemburg – in gutbürgerlichem Elternhaus aufgewachsen, fünfsprachig, hochgebildet, promoviert – galt schon früh als begabte Rhetorikerin und Autorin, ihre rhetorische Brillanz wurde sogar in den Rang ciceronianischer Redekunst erhoben. Auf SPD-Parteitagen war sie die einzige Frau mit Doktortitel. „Sie hat ein Leben lang für eine Partei gekämpft, die sie nicht einmal wählen durfte“, bilanziert Piper. Er hat eine umfangreiche, detaillierte und gut lesbare Lebensgeschichte verfasst, die sich weitgehend den Zwängen ideologischer Überzeugungen entzieht. Obwohl er nach eigener Aussage „kein Anhänger der Idee der Diktatur des Proletariats“ ist, liest man doch, welch große Sympathien er für seine Protagonistin hegt.

Wie genau starb Rosa Luxemburg? Schon vor Jahrzehnten hat Klaus Gietinger dies untersucht – in seinem immer noch sehr empfehlenswerten (und jetzt neu aufgelegten) Buch Eine Leiche im Landwehrkanal – Die Ermordung der Rosa Luxemburg (Edition Nautilus, 192 S., 14 Euro). Für ihn sind Luxemburg und Liebknecht „mythische Figuren der deutschen Arbeiterbewegung, Revolutionäre und Kriegsgegner, deswegen mussten sie sterben. Der Mord an ihnen war der erste Spatenstich zur Beerdigung Weimars. Ihr Tod vertiefte die Spaltung der Arbeiterbewegung.“

Reichswehrminister Gustav Noske (ein Sozialdemokrat!) duldete, was mit den beiden Revolutionären am 15. Januar 1919 geschah. Die Verantwortlichen für die Verbrechen blieben weitgehend unbehelligt. Noch im Jahr 1962 konnte der Drahtzieher, Hauptmann Waldemar Pabst, erklären, dass er die beiden Kommunistenführer habe „richten lassen“. Der Mörder von Rosa Luxemburg war Hermann Wilhelm Souchon. Er kehrte 1935 unbehelligt nach Deutschland zurück, trat in die Luftwaffe ein und stieg im Zweiten Weltkrieg zum Oberst auf. Nach dem Krieg lebte er ab 1952 in Bad Godesberg und starb dort 1982.

Luxemburg wurde neun Mal inhaftiert

In die Gesellschaft der Philosophin Hannah Arendt und der Autorin Simone Weil hat die Schriftstellerin und Malerin Simone Frieling die Revolutionärin Luxemburg in ihrem kürzlich erschienen Buch Rebellinnen gesetzt (Ebersbach & Simon, 140 S., 18 Euro). Das Luxemburg-Porträt in ihrem Buch trägt den Titelzusatz „ein Kammerstück“. Denn: „In der Isolation der Gefängniszelle, der »Kammer«, intensivierte sich das Schreiben, es nahm noch einmal eine andere Qualität an: Aus der scharfzüngigen Agitatorin Luxemburg wurde die Dichterin.“

An ihre Freundin Luise Kautsky schrieb Luxemburg 1917 aus der Festung Wronke: „Und dann bleibt mir noch alles, was mich sonst erfreute: Musik und Malerei und Wolken und das Botanisieren im Frühling und gute Bücher und Mimi und Du und noch so manches – kurz ich bin steinreich und gedenke es bis zum Schluss zu bleiben.“ Die drei Porträts in diesem klugen und schönen Buch hat Frieling selbst illustriert: für Luxemburg mit Grafiken, die das starke ornithologische Interesse der Revolutionärin verdeutlichen. Die Beschäftigung mit der Vogelwelt zählte für Luxemburg am Ende ihres Lebens zu ihren vergnüglichsten Tätigkeiten.

Die letzten vier Jahre ihres 47-jährigen Lebens hat Rosa Luxemburg, die insgesamt neun Mal inhaftiert wurde, überwiegend in Gefängnissen verbracht. Sie hat in dieser Zeit unermüdlich geschrieben – oft Flugblätter und Aufrufe, aber auch die berühmte „Junius-Broschüre“. Ihre privaten Briefe aus dem Gefängnis runden das Bild der politischen Schriftstellerin ab. Sie zerstören nicht nur das von den Rechten tradierte, trostlose (und falsche) Bild der „blutigen Rosa“, sondern zeigen, was für eine feinfühlende, differenzierte und poetische Natur sie war (Dietz-Verlag Berlin, 136 S., 12 Euro; erscheint am 15. Februar).

Wegen ihres Freiheitsbegriffs und ihres uneingeschränkten Internationalismus wurde Rosa Luxemburg ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod zur Ikone des 68er-Protests. Noch einmal 20 Jahre später wurde ihr berühmter Satz „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ zur Parole der Bürgerrechtler in der untergehenden DDR. Passend zu beiden historischen Ereignissen versucht Michael Brie in seinem Buch Rosa Luxemburg neu entdecken eine Theorie des demokratischen Sozialismus zu skizzieren. Er sagt: Freiheit habe Rosa Luxemburg als soziale Tugend praktiziert, als Kampf für die Freiheit der Anderen (VSA, 144 S., 12 Euro).

In der philosophisch orientierten Reclam-Reihe „Was bedeutet das alles?“ ist der Band Friedensutopien und Hundepolitik mit ausgewählten Schriften und Reden von Rosa Luxemburg erschienen. In einem luziden Nachwort schreibt Dietmar Dath, dass ihre Stimme „es an Beredsamkeit mit den originellsten und elegantesten Kollegen ihrer Zeit aufnehmen konnte, mit dem Österreicher Karl Kraus, dem Franzosen Anatole France und dem Amerikaner Mark Twain.“ Luxemburgs Text „Tolstoi als sozialer Denker“ (1908), der die Sammlung eröffnet, stehe „der Sprache seines Gegenstands in nichts nach“. Der Band enthält unter anderem Luxemburgs Aufsätze „Frauenwahlrecht und Klassenkampf“, die „Verteidigungsrede vor der Frankfurter Strafkammer“ und ihren letzten Artikel „Die Ordnung herrscht in Berlin“, der einen Tag vor ihrer Ermordung erschien und auch deshalb besonderen Bekanntheitsgrad erlangte. Bei Dath heißt es am Ende, es sei „allen Mördern, Quälern, Unterdrückern und Ausbeutern“ bis heute nicht gelungen, auch das „zu vernichten, was sie geschrieben, gedacht und getan hat.“ (Reclam, 108 S., 6 Euro)